Auf den Punkt : Anfallsweise charmant

Werner van Bebber über Berlins Freundlichkeitsoffensive

Werner van Bebber
Werner van Bebber
Werner van Bebber, Reporter -Foto: Kai-Uwe Heinrich

BerlinJetzt geht das wieder los. Eine Freundlichkeitsoffensive soll her - das ist das Neuste, was sich die Stadt-Image-Korrektoren von "be Berlin" ausgedacht haben. Von den Busfahrern bis zu den Polizisten soll eine Herzigkeit ausgehen, die Berlin zur "Guten-Laune-Stadt" macht und, kleiner geht es nicht, zur sympathischsten Metropole der Welt. Damit die Stadt noch anziehender wird für eine der letzten noch sprudelnden Einkommensquellen - die Touristen.

Solche Umerziehungsideen sind am robusten Gemüt des Berliners stets gescheitert. Man war hier schon immer etwas spröde, ob nun hunderttausend Reisende jährlich kamen oder ein paar Millionen. Charmant ist der Berliner nur anfallsweise. Schnippisch antwortet er auf schlichte Fragen. Manchmal ahnt man dann den etwas abgedrehten Berliner Humor.

Das alles hat viele hunderttausend Leute aus dem Rheinland nicht daran gehindert, hierher zu ziehen. Manche vermissen die gewisse Fröhlichkeit im Alltag, die sich weit im Westen leichter entfaltet. Doch hat der Austausch eines Drittels der Berliner Bevölkerung nicht zu einem spürbar andern Stil im Umgang miteinander geführt. Er hat nur bewiesen, dass die Berliner weltoffen sind. Das waren sie immer schon, sie zeigen es bloß ungern.

Die ruppige Grimmigkeit, die sich die Leute hier jetzt abtrainieren sollen, muss bislang unbekannte Ursachen haben. Vielleicht liegt es daran, dass nur hier das Problem mit der Hundekacke unlösbar ist. Vielleicht ist es der lange Winter. Die Berliner Rauheit jedenfalls ist ein Alleinstellungsmerkmal und als solches viel wichtiger als Konkurrenzfähigkeit im Lächelwettbewerb mit japanischen Flugbegleiterinnen. Und die Touristen kann man warnen. Es reicht, in die Reiseführer zu schreiben, dass die Leute hier nur eisig wirken. Im Mai aber tauen manche ein wenig auf.

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