Auf den Punkt : Auch verhüllte Frauen können denken

Claudia Keller über Seyran Ates und den Kopftuchstreit

Claudia Keller
Claudia Keller, Berlin-Redakteurin -Foto: Kai-Uwe Heinrich

Deutschland ist ein multireligiöses Land geworden. Diese Tatsache jagt Feministinnen wie der Berliner Islamkritikerin Seyran Ates Schauder über den Rücken. Denn an Gott zu glauben, ist für linke Frauenrechtlerinnen etwas zutiefst Rückständiges. Da Christen höchstens an einem schmucken Kreuz zu erkennen sind, richtet sich der antireligiöse Furor gegen muslimische Frauen mit Kopftuch. Seyran Ates hat jüngst erklärt, sie könne unmöglich die Grünen wählen, weil man dort „den meisten Kopftuchträgerinnen und VerteidigerInnen des Kopftuchs, den meisten Kulturrelativisten und Multikulturalisten“ begegne.

Ates ist Juristin und hat als Anwältin Frauen mit Kopftuch vor Gericht vertreten, denen von ihren Familien und Ehemännern Gewalt angetan wurde. Ates wurde von einem dieser Ehemänner fast ermordet. Dass für sie das Kopftuch ein Zeichen von religiös verbrämter Unterdrückung ist, kann man zwar nachvollziehen, wenn man ihre Lebensgeschichte kennt. Aber dadurch spricht sie den Musliminnen das Selbstbestimmungsrecht ab, die das Kopftuch aus eigenem Willen tragen.

Gelten Frauenrechte nur, wenn Alice Schwarzer sie absegnet? Dass sich Kopftuchträgerinnen in politischen Parteien engagieren, ist doch das beste Beispiel dafür, dass das Klischee mit der Unterdrückung nicht stimmt. Auch verhüllte Frauen können denken. Dass das eine Anwältin nicht sehen will, ist schon paradox. Dass die Grünen ihrerseits mit einem Offenen Brief Ates attackieren, zeugt allerdings auch nicht gerade von Selbstbewusstsein. Schade, dass über Integrationspolitik und Religiosität immer nur im Schlagabtausch diskutiert wird. Die Themen und ihr gesellschaftspolitisches Potenzial sind dafür eigentlich zu wichtig.

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