Auf den Punkt : Baustelle: Schulpolitik

Ulrich Zawatka-Gerlach über eine Sozialquote an Berlins Schulen

Ulrich Zawatka-Gerlach
Ulrich Zawatka-Gerlach, Redakteur -Foto: Mike Wolff

BerlinIn der Schulpolitik ist Rot-Rot in Berlin wirklich emsig. Jede Woche wird eine neue Baustelle aufgemacht, Grundsteine für Reformen werden gelegt, aber das Gebäude gewinnt nicht an Höhe, es fehlen die Konturen und über allem schwebt der Pleitegeier. Jetzt also soll, wenn es nach der Berliner Linken geht, eine Quotenregelung helfen, Kinder aus sozial schwachen Familien in beliebten, leistungsstarken Gymnasien unterzubringen. Das ist gut gemeint, aber schlecht gemacht. Tatsächlich ist es das größte Problem der deutschen Bildungspolitik, dass Bildungschancen wieder weitgehend von der Herkunft der Schüler und Studierenden abhängen. Wer das Glück hat, in einem bildungsbürgerlichen Elternhaus groß zu werden, hat das Abitur schon fast in der Tasche. Viele Kinder von Migranten und/oder Hartz IV-Empfängern sind schon froh über einen brauchbaren Hauptschulabschluss.

Diese himmelschreiende Ungerechtigkeit lässt sich aber nicht kurzfristig, so nebenbei, par ordre de mufti beseitigen. Jene Kinder, die sechs Schuljahre lang die notwendige Förderung zuhause und an der Grundschule entbehren mussten, werden am Gymnasium in der Regel untergehen. Von ein paar intellektuellen Überfliegern und willensstarken Durchbeißern einmal abgesehen. Denn wer soll diese Schüler, denen unversehens die staatliche Gnade sozialer Durchlässigkeit gewährt wird, ab der siebten Klasse den Weg für eine hoffnungsvolle Schulkarriere ebnen? Nachdem sie vorher oft nicht einmal die Möglichkeit hatten, ordentlich lesen, schreiben und rechnen zu lernen?

Geht die Goodwill-Idee der Linken etwa einher mit einer Aufstockung der überalterten, teilweise ausgebrannten Lehrerschaft, mit kleineren Klassen und mehr Teilungsunterricht, oder wenigstens mit einem warmen Mittagessen für alle Berliner Oberschüler, die wegen der Verkürzung der Schulzeit auf zwölf Jahre bis zum späten Nachmittag Unterricht und zwischendurch maximal 20 Minuten Pause haben? Und wer macht mit den Kindern aus den einkommens- (und leider meistens auch bildungsschwachen) Elternhäuser die Schularbeiten und bereitet sie auf Tests und Klassenarbeiten vor? Für all dies fehlen in der armen Hauptstadt voraussichtlich noch über viele Jahre die Grundvoraussetzungen. Ganz zu schweigen vom Geld für die anspruchsvollen Schulreformen, die Bildungssenator Jürgen Zöllner stemmen will.

Machen wir uns nichts vor: Eine Schulpolitik aus einem Guss, die über eine Wahlperiode hinaus Bestand haben kann, kostet hohe dreistellige Millionensummen. Und benötigt mehr bildungspolitische Kompetenz, als SPD und Linken derzeit innewohnt. Bislang hat die neu angeschobene Reformdiskussion die Eltern schulpflichtiger Kinder mehr verunsichert als dass eine klare, verlässliche Perspektive geboten wird. Eine wahrhaft soziale Schulpolitik braucht aber Klarheit und einen langen Atem.

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