Auf den Punkt : Behörden-Unsinn

Gerd Appenzeller über den Ausbau des Sacrow-Paretzer Kanals

Gerd Appenzeller (neu)
Gerd Appenzeller, Redaktionsdirektor -Foto: Mike Wolff

In seiner Satire "Der Blaumilchkanal" erzählt Ephraim Kishon die Geschichte des aus einer Irrenanstalt entflohenen Kasimir Blaumilch, der sich daranmacht, mit einem Presslufthammer die Hauptstraße von Tel Aviv aufzureißen. Niemand wagt, ihn zu stoppen, weil jeder glaubt, die Maßnahme sei von der durchgedrehten Bürokratie veranlasst worden. Als aus der Hauptstraße ein Kanal geworden ist, den das Mittelmeer flutet, jubelt der Bürgermeister über die neue Errungenschaft - keiner wagt einzugestehen, dass die ganze Baumaßnahme das Werk eines Geisteskranken ist.

An den Blaumilchkanal fühlte man sich jetzt erinnert, als die Wasser- und Schifffahrtsdirektion Ost den Ausbau des Sacrow-Paretzer Kanals nordwestlich von Potsdam genehmigte. Die Verwandlung einer bis jetzt weitgehend naturbelassenen Flusslandschaft in einen Kanal für große Schubverbände wäre Teil des "Verkehrsprojektes Deutsche Einheit Nummer 17". Die vorangegangenen Verkehrsprojekte dienten der Verbesserung der Verkehrsverhältnisse auf Straße und Schiene nach der Wiedervereinigung. Sie waren durch die Bank sinnvoll. Das galt auch für den ersten Teil des Projektes Nummer 17, den Ausbau des Mittellandkanals und des Elbe-Havel-Kanals sowie die Überquerung der Elbe bei Magdeburg durch eine Trogbrücke.

Was bislang sinnvoll war, wird aber nun pervertiert, weil der angestrebte Ausbau ohne massive Eingriffe in die Natur nicht möglich und vom geplanten Umfang her auch absolut überzogen ist. Dabei geht es nicht nur um 1000 Bäume, die gefällt werden sollen, sondern auch um eine Absenkung des Grundwasserspieles in der Nähe. Hinzu kommt, dass die vor 15 Jahren angenommenen Gütermengen bislang nur zu 20 Prozent erreicht worden sind.

Das Vorhaben ist also überflüssig und das typische Produkt einer Behörde, deren Lebenssinn darin zu bestehen scheint, aus Flüssen Kanäle zu machen. Die betroffenen Gemeinden können bis zum 8. September gegen die Baumaßnahmen protestieren. Hoffentlich tun sie es, damit Kasimir Blaumilch sich nicht auch noch in Brandenburg ein Denkmal setzt.

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