Auf den Punkt : Bei der Klassenreise in der Klemme

Tissy Bruns über Alleinerziehende und Hartz IV

Tissy Bruns
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Tissy Bruns, Leitende Redakteurin (Parlament)Foto: Kai-Uwe Heinrich

BerlinVor drei Wochen gab es den Familienbericht. Gestern war Frauentag. Heute liegt eine neue Studie aus Nürnberg vor, die uns vorrechnet, dass Alleinerziehende es schwerer als alle anderen haben, wieder aus Hartz IV herauszukommen. Wann nehmen wir uns den Skandal endlich einmal zu Herzen: Laut Familienbericht leben 40 Prozent aller Alleinerziehenden von Hartz IV: 600 000 Mütter (denn es handelt sich ganz überwiegend um Frauen) und eine Million Kinder. Kinder sind bekanntlich ein Armutsrisiko, Kinder allein zu erziehen der Weg in Arbeitslosigkeit und Armut. Und der denkbar schwerste, um aus der Arbeitslosigkeit herauszukommen.

Dabei wissen wir doch längst: Nichts brennt sich Erwachsenen und ihren Kindern so negativ ein wie eine lange Abtrennung vom Arbeitsprozess. Sie geht einher mit einem erst allmählichen, dann verfestigten Ausschluss vom ganz normalen Leben. Auf den Erwachsenen drückt das Gefühl der Nutzlosigkeit; für die Kinder bedeutet das Leben von Transferleistungen oft, dass ihnen der Sportverein oder der Musikunterricht verschlossen bleibt. Die Hilfe für das Mittagessen in der Schule kann auch demütigen, die Isolierung der allein erziehenden Mütter bedeutet für viele ihrer Kinder ein Aufwachsen ohne männliche Vorbilder.

Was fehlt, ist bekannt und wird getreulich aufgezählt, wenn wieder Zahlen dieser Art zu berichten sind: Kinderbetreuung, Ganztagsschulen, vernünftige Teilzeitjobs. Was noch mehr fehlt, ist aber Einfühlung in die Lage dieser Frauen und Kinder. Kinder allein zu erziehen ist schwer, verdammt schwer. Kaum zu sagen, was schlimmer ist: Ohne Job, abhängig von Transferleistungen, immer knapp bei Kasse, bei jeder Klassenreise und jedem zerrissenen Anorak in der Klemme - oder mit Job, immer mit der Uhr im Nacken, von einer Pflicht zur anderen hetzen, mit dem Gefühl, es weder auf der Arbeit noch bei den Kindern zu schaffen. Und mit oder ohne Job ist es schwer mit dem Gefühl zu leben, als junge Frau die Liebe zu verpassen und vor der unmöglichen Aufgabe zu versagen, den Kindern unter diesen Bedingungen immer mit Geduld und Freundlichkeit zu begegnen.

Allein erziehen ist zu einem Normalfall von Familie geworden. Im formalen Sinn diskriminiert die Gesellschaft das nicht mehr. Aber sie nimmt nicht Anteil und sie wird ihren Pflichten gegenüber den Kindern nicht gerecht, die in diesen Familien aufwachsen. Alleinerziehende Mütter brauchen verlässliche Kinderbetreuung, gute Ganztagsschulen, vernünftige Teilzeitjobs. Und sie brauchen: Eine gerechtere Steuerpolitik, mehr Urlaub und Kinderkrankheitstage als Zwei-Elternfamilien, eine Gesellschaft mit einem starken öffentlichen Sektor und sozialen Netzen, die allen Kindern offen stehen.

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