Auf den Punkt : Berliner Leidkultur

Malte Lehming über den Start der SPD-Plakataktion gegen Pro Reli

Malte Lehming
Malte Lehming
Malte Lehming, Leitender Redakteur (Meinung) -Foto: Kai-Uwe Heinrich

BerlinDen großen Erfolg der Berliner Pro-Reli-Kampagne, die es geschafft hat, dass sich die Welthauptstadt des Atheismus seit Monaten mit Glaubensdingen befasst, hat sie nicht zuletzt ihren Gegnern zu verdanken, den Pro-Ethikern. Nicht allein, weil die Vermomperisierung des Anti-Religions-Diskurses mehr und mehr als Zumutung empfunden wird, sondern auch, weil der gesamten Koalition der Unwilligen die Argumente auszugehen scheinen, wirken die Anti-Relis seltsam verkrampft.

Seit heute nun wirbt auch Berlins SPD für ein Nein bei dem Volksentscheid. Ihre Plakate mit der Überschrift "Religion oder Ethik? Wir machen beides!" verwirren allerdings, weil doch inzwischen jeder weiß, dass die SPD vielleicht beides macht, aber beides eben nicht gleichberechtigt macht, und dass genau bei dieser Frage der Hase im Pfeffer liegt. Also: Thema verfehlt. Man muss der SPD freilich dankbar dafür sein, dass sie nicht auch noch die Mär von der angeblichen Zwangsentscheidung übernommen hat, vor der sich die Schüler sähen, falls Religion Wahlpflichtfach würde. Nach dieser Logik stünden auch Nordkoreaner vor einer Zwangsentscheidung, wenn Kim Jong-Il einen Oppositionskandidaten zulassen würde.

Am wohlsten fühlen sich Berlins Sozialdemokraten bei der Behauptung, ein verpflichtendes Fach Ethik diene der Integration. Das ist insofern interessant, weil es dafür keinen einzigen Beleg gibt. Keine Zahlen, keine Statistiken, keine Studien, nichts. Es ist ein Glaubenssatz, der sich als solcher kaum von dem an die unbefleckte Empfängnis unterscheidet. Wie soll man sich die integrative Wirkung des Ethikunterrichts eigentlich vorstellen? Einmal angenommen, es gibt einen Schüler namens Ibrahim Hasanbeyoglu, der aus einer streng muslimischen Familie kommt, Ibrahim hat ein diskriminierendes Frauenbild und mag weder Homosexuelle noch den Christopher Street Day. Im Ethikunterricht soll dieser Ibrahim deshalb umerzogen, gewissermaßen kulturell entnazifiziert werden und ein Bekenntnis ablegen zu Toleranz und Emanzipation.

Das wird nicht leicht, es kann sogar nach hinten losgehen. Denn eine Schule, die sich explizit als Wertgegenpol zu bestimmten Familien definiert, riskiert, von diesen Familien insgesamt abgelehnt zu werden - als ein Ort der zwangsmultikulturellen Leitkultur. Wer zum Deutschen mutiert, ist ein Verräter: Diese Regel gilt schon jetzt auf vielen Pausenhöfen, die von muslimischen Kindern dominiert werden. Und eine Wertvermittlung, die nicht überzeugt, kann in die aggressive Rebellion führen, wie Deutschlands 68er Generation aus eigener Erfahrung erlebt hat. In diesem Sinne erschwert ein Wahlpflichtfach Ethik die Integration womöglich mehr, als dass es sie erleichtert.

Etwas fundierter als über die Vor- und Nachteile von Ethik lässt sich inzwischen über die des Religionsunterrichts sprechen, zumindest des evangelischen. Der nämlich leistet in Berlin, wie es die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" am 26. März 2009 zusammenfasste, "einen wesentlichen Beitrag zum interreligiösen und interkulturellen Verstehen durch Problembewusstsein und Sprachfähigkeit". Das ist das Ergebnis einer repräsentativen Stichprobe bei 1600 Schülern aus Berlin und Brandenburg in der zehnten Klasse. Das entsprechende Projekt ("Konstruktion und Erhebung von religiösen Kompetenzniveaus im Religionsunterricht am Beispiel des Evangelischen Religionsunterrichts") wurde von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert.

Natürlich kann es sein, dass der Pro-Reli-Volksentscheid trotzdem nicht die erforderliche Mehrheit bekommt. Was dann? Dann wird vielleicht der Ansturm auf konfessionelle Schulen in Berlin (in den vergangenen vier Jahren wurde die Zahl der Schüler verdoppelt, auf einen Platz kommen im Schnitt drei bis vier Bewerber) noch stärker werden. Das hieße, noch mehr bildungsnahes Bürgertum würde aus den staatlichen Schulen abwandern, wodurch die Integrationsarbeit an diesen noch mühsamer würde. Verdenken jedenfalls könnte es den Abwanderern keiner, auch weil die christlichen Schulen zu den besten überhaupt gehören. Die drei ersten Plätze der erfolgreichsten Gymnasien (bester Abitursschnitt) belegten im vergangenen Jahr konfessionelle Einrichtungen: Platz eins die Evangelische Schule Frohnau, Platz zwei das katholische Canisius-Kolleg in Tiergarten, Platz drei das Gymnasium zum Grauen Kloster in Charlottenburg-Wilmersdorf.

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