Auf den Punkt : Berliner Monokultur

Malte Lehming über den Beginn der Pro-Ethik-Kampagne

Malte Lehming
Malte Lehming
Malte Lehming, Leitender Redakteur (Meinung) -Foto: Kai-Uwe Heinrich

BerlinGanz früher, als die Männer ihre Haare lang trugen, auf den Partys gen Mitternacht eng getanzt wurde und jeder wusste, dass Uriah Heep keine neue Haschischsorte war, kam es vor, dass man in der Küche dicht gedrängt beieinander stand, einen Mixer in der einen Hand und die Kuchensahne im Rührbecher in der anderen. In diesem Moment also rief man zum Gelächter der ganzen Küche laut aus: "Ist ein Juso da? Wir brauchen jemanden zum Schaum schlagen!" Damals, das muss für die heutige Jugend hinzugefügt werden, waren Juso-Partys der Inbegriff für Langeweile. Selbst beim Flaschendrehen ging es bloß darum, die strukturelle von der konjunkturellen Arbeitslosigkeit unterscheiden zu können.

Und schon sind wir, über einen kleinen historischen Umweg gewissermaßen, bei den Berliner Pro-Ethikern, die am morgigen Mittwoch im GEW-Haus ihre Kampagne starten wollen. Nun soll es heute ausnahmsweise mal nicht um Argumente wider ein Wahlpflichtfach Religion gehen - die sind bekannt und werden morgen von den Pro-Reli-Gegnern nur ausgiebig repetiert. Interessant dagegen ist, wieder ausnahmsweise, ein neutraler, unvoreingenommener Vogelflugblick auf die beiden Lager. Pointiert gefragt: Bei welcher Party wären Sie lieber dabei?

Die Pro-Ethiker präsentieren sich monokulturell: GEW, West-Berliner Hardcore-SPD, Kommunisten, Linke, ein paar Grüne, der Humanistische Verband. Als Schirmherr fungiert Walter Momper. Das sagt eigentlich alles (wer sieht in dieses Gesicht, ohne unwillkürlich an die legendäre Vertonung der Deutschlandhymne am 10. November 1989 auf dem Balkon des Schöneberger Rathauses zu denken?). Es ist ein strukturkonservatives Urberliner Bündnis, dessen Vertreter auf die Pro-Reli-Kampagne starren wie manch Wrangelstraßenkiezler auf die Filiale von McDonald's: Haben wir nie gehabt, wollen wir auch nie haben.

Die Pro-Reli-Fraktion ist vergleichsweise multikulturell: Protestanten, Katholiken, Juden, Muslime, Deutsche, Türken, Andrea Nahles, Angela Merkel, Günther Jauch, Wolfgang Thierse, Frank-Walter Steinmeier. Da weht ein anderer Wind. Da wird Unterschiedlichkeit als Bereicherung empfunden. Da beherzigt man die Worte von Rabbinerin Gesa Ederberg: "Ein neutraler Ethikunterricht beraubt die Kinder und Jugendlichen der Möglichkeit, sich in ihrer eigenen Tradition zu verankern. Diese Verankerung muss zunächst gelehrt werden und gelernt werden, bevor die Kinder und Jugendlichen miteinander sinnvoll ins Gespräch kommen können."

Aber Schluss damit, wir wollten ja heute nicht inhaltlich werden. Hauptsache, es ist klar geworden, wer morgen für wen die Sahne schlägt.

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