Auf den Punkt : Billige Vollstrecker

Malte Lehming zur Premiere des Tom-Cruise-Films über den 20. Juli 1944. Es fällt ihm allerdings schwer, ein markantes Urteil zu fällen.

Malte Lehming
Malte Lehming
Malte Lehming, Leitender Redakteur (Meinung) -Foto: Kai-Uwe Heinrich

BerlinNun beginnt sie, die große Stauffenberg-Show. Heute Abend ist Weltpremiere des Films "Operation Walküre - Das Stauffenberg-Attentat" von United Artists in New York, und unmittelbar danach wird womöglich eine Cross-Atlantische Sezierübung einsetzen. In Deutschland wird man sich fragen: Was sagen die Amerikaner zu dem "anderen Deutschland", den Heldentaten jener, die den "Aufstand des Gewissens" probten? Denn als solcher ist das knapp gescheiterte Attentat auf Adolf Hitler vom 20. Juli 1944 in die deutsche Geschichte eingegangen. In den USA dagegen fragt man sich: Wie halten die Deutschen es aus, dass sich Hollywood, plus dem weltbekanntesten Scientologen, Tom Cruise, in der Hauptrolle, des besten Teils ihrer dunkelsten Historie bemächtigt hat?

Und was für Deutschlands professionelle Cineasten möglicherweise erschwerend hinzukommt: "Bild" und "Faz" hatten bereits vorab kräftig am Werberad gedreht. Wer von der Konkurrenz will da die Gelegenheit verpassen, es diesen beiden Medien mal ebenso kräftig heimzuzahlen und ihnen filmischen Dilettantismus vorzuwerfen?

Stoff genug also für eine handfeste Kontroverse, man denke nur an den Goldhagen-Zoff! - wäre da nicht der Film selbst. Der nämlich taugt nicht einmal für ein markantes Urteil. Für einen Verriss ist er handwerklich zu ordentlich, für eine Hymne weder tief noch packend genug. Historisch wird alles ziemlich akkurat nacherzählt. Da wurde sorgfältig recherchiert, die allermeisten Details stimmen. Die Geschichte beginnt 1943 in Tunesien, wo Claus Schenk Graf von Stauffenberg bei einem Bombenangriff schwer verletzt wird; er verliert den rechten Arm, zwei Finger von der linken Hand und sein linkes Auge. Und sie endet mit seiner Hinrichtung und den berühmten letzten Worten: "Es lebe das heilige Deutschland!"

Dazwischen wird geschildert, wie es zum Attentat kommt, wer überredet, wer überzeugt werden musste, wie uneins sich viele der Verschwörer waren, und vor allem und immer wieder: wie haarscharf das Attentat fehlschlug. Halb deprimiert, halb neu für die Sache der Widerständler entflammt, so verlässt der Zuschauer den Kinosaal. Durch das Zusammenspiel einiger winziger Zufälligkeiten konnte das NS-Regime gut neun Monate länger sein Wesen treiben. Man fasst es nicht.

Fürwahr, es gibt starke Szenen und positives Pathos. Etwa als Stauffenberg zum Hitler-Gruß genötigt wird und voller Verachtung im Gesicht seine Armprothese hebt; als er sich von Frau und Kindern in seine Mission verabschiedet, von düsteren Vorahnungen gezeichnet; oder als er in anscheinend paradoxer Moralität sagt: "Ich diene meinem Land als Verräter".

Ja, dass er dies alles für Deutschland tut, für den Ruf seines Vaterlandes in der Welt, diese Botschaft zieht sich fast überdeutlich durch die Dialoge. Weder ging es den deutschen Anti-Hitleristen um die Rettung der Juden (deren Vernichtung wird überhaupt nicht thematisiert) noch um die Wiederherstellung der parlamentarischen Demokratie. Stattdessen wird das Widerstandsmotiv reduziert auf ein urbiblisches Motiv: Gott versichert Abraham, dass er Sodom verschonen werde, wenn sich nur zehn anständige Menschen darin finden ließen. In diese Analogie werden Stauffenberg, Henning von Tresckow, Ludwig Beck, Friedrich Olbricht, Erich Fellgiebel und all die anderen Mitstreiter der "Operation Walküre" eingereiht.

Alle Charaktere indes, inklusive Stauffenberg, bleiben seltsam blass. Was hat sie anfangs zu Nazis werden lassen? Was in den Widerstand getrieben? Es fehlt die innere Logik in der Entwicklung der Personen, was umso betrüblicher ist, weil ein "Aufstand des Gewissens" sich vorrangig mit der Frage hätte beschäftigen müssen, was diese Gewissen und nur diese geprägt und ausgezeichnet hat. Man sieht zwar gelegentlich, dass sie mit sich ringen, spürt das Ringen aber nicht.

"Walküre" handelt von guten, aufrechten, mutigen, prinzipienstarken Deutschen während der Nazi-Zeit. Der Film setzt einen Kontrapunkt zum "Volk der Täter und Mitläufer" und zu den "willigen Vollstreckern". Gäbe es nicht schon "Schindlers Liste", ließe sich "Walküre" zur Not vielleicht noch als hollywoodscher Tabubruch begreifen. So aber ist das Werk bloß eine solide Zwei-minus-Produktion, was, gemessen an den Erwartungen, eine Drei minus bedeutet. Mit anderen Worten: garantiert skandalfrei.

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