Auf den Punkt : Das Ende der Ungewissheit

Malte Lehming über die Finanzkrise und unsere Parteien

Malte Lehming
Malte Lehming, Leitender Redakteur (Meinung) -Foto: Kai-Uwe Heinrich

Man kennt das Schauspiel aus der berühmten Elefantenrunde: Am Ende haben alle vorher gewusst, wie die Wahl ausgehen wird, und sie haben sie auch gewonnen. Irgendwie jedenfalls. Nun geht es diesmal nicht um eine Wahl, sondern um eine Finanzkrise und demnächst wahrscheinlich um eine Rezession. Aber das Muster ist dasselbe. Die Welt stürzt ein, bloß unsere Parteien bleiben sich treu. Irgendwie jedenfalls.

Etwas düpiert freilich stehen Liberale und Ultralinke da. Die FDP meint zwar immer noch, dass der Markt "an sich" (diese beiden Wörtchen werden jetzt immer öfter eingeschoben) funktioniert und an dessen Zusammenbruch der Staat schuld war, weil der ihn nicht ausreichend reguliert und kontrolliert hatte. Aber immerhin nehmen FDPler nun Begriffe wie Regulation und Kontrolle schon mal in den Mund ("Haben wir immer schon getan! Waren nie gegen Finanzaufsicht und Kartellbehörde!" Ja, ja).

Die Ultralinken wiederum sehen sich zwar voll bestätigt in ihrer Kapitalismuskritik (Ich sag' nur, Marx lesen: "Die kapitalistische Produktion erzeugt mit der Notwendigkeit eines Naturprozesses ihre eigne Negation." Andererseits stimmen leider nicht alle seine Vorhersagen: "Je ein Kapitalist schlägt viele tot."); aber dass Sozialisten und Marxisten jetzt immerhin bereit sind, Managergehälter von 500.000 Euro im Jahr zu akzeptieren, lässt sich auch als Sieg der kapitalistischen Indoktrination verstehen. Oder als der von Oskar Lafontaine, der allein für seinen Erinnerungsband "Das Herz schlägt links" nicht viel weniger als 500.000 Euro kassiert haben soll.

Die Grünen wiederum wirken eigentümlich marginalisiert. Ihnen bleibt bloß der Globalisierungsdreiklang ("Ist doch alles dasselbe: globale Finanzkrise, globaler Klimawandel, globale Armut"). Spätestens seit Joschka Fischer sich seine Anzüge bei "Brooks Brothers" hat maßschneidern lassen, wurden asketische Parolen ("Maß halten", "Wende zum Weniger") bei ihnen ohnehin nur noch halblaut vorgetragen.

Bleiben die beiden Volksparteien, CDU und SPD. Sie, die gemeinsam regieren und in normalen Zeiten das Publikum monatelang und ungeniert mit Details zur Gesundheitsreform nerven, feiern sich jetzt gegenseitig als tatkräftig und entschlossen, weil sie in Rekordzeit ein Rettungspaket von knapp 500 Milliarden Euro beschließen. Der starke Staat ist wieder da. Wir retten Euch doch alle! Und weil's so schön war, gleich noch ein paar Milliarden für die Bildung und ein gezieltes Investitionsprogramm dazu. Wir haben's ja. Doch wer ist dieser "Wir"?, würde Otto fragen. Sind es die vier Musketiere oder nicht doch am Ende Wir alle?

Unionisten und Sozialdemokraten schummeln natürlich ein bisschen. Vor der Krise spotteten sie gerne über radikale Visionen, beschwörten als Tugend das Max Webersche langsame und beharrliche Bohren dicker Bretter, in der Krise aber nehmen sie den Schlagbohrer und halten feste drauf.

Nur Bischof Wolfgang Huber, gestern bei Anne Will, hat einen bösen Verdacht. Ging nicht alles von den USA aus? Und hat die US-Regierung die Bank Lehman Brothers womöglich deshalb pleite gehen lassen, weil viele Europäer Lehman-Brothers-Zertifikate hatten? Jawoll, George W. Bush und dessen Groll gegen das alte Europa: Die Welt stimmt wieder. Dem Herrgott sei Dank!

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