Auf den Punkt : Das Streben der Deutschen

Malte Lehming über Erdogan und deutsche Assimilierungsweltmeister

Malte Lehming
Malte Lehming, Leitender Redakteur (Meinung) -Foto: Kai-Uwe Heinrich

Deutsche ziehen gern über Deutsche her. Sie leiden am Deutschsein der Anderen, weil ihnen diese manchmal zu deutsch sind. Das erklärt, warum es folgende Redensart bei uns bis zum Sprichwort gebracht hat: „Gott schütze uns vor Sturm und Wind und Deutschen, die im Ausland sind!“ Was auf den ersten Blick wie eine Zustandsbeschreibung aussieht – wer kennt es nicht, das unsympathische Sangriasaufen beim Ballermann oder die frühmorgendliche Okkupation von Sonnenliegen mittels Handtuchhinlegens? -, ist in Wahrheit Ausdruck großer Scham. Das Sprichwort symbolisiert den Wunsch der Deutschen nach Unauffälligkeit. Ihren Wunsch, geliebt zu werden. Ihr Streben nach Anpassung. Ein anderes Wort dafür ist – Assimilation.

Denn entgegen einer landläufigen Ansicht sind die Deutschen Assimilierungsweltmeister. Wer jemals in Kontakt kam mit jungen deutschen Austauschschülern, die ein Jahr in den USA verbrachten, merkt das sofort. Sie gebärden sich amerikanischer als Amerikaner und sprechen Deutsch nur noch mit Akzent. Und wenn der Deutsche in die Toscana fährt, büffelt er vorher fleißig ein paar Brocken Italienisch, um zumindest die Essensbestellung im Restaurant in der Landessprache zu meistern. Fährt er nach Marokko, trägt er nach zwei Tagen die Kefiah. Seine Kinder wiederum nennt er alttestamentarisch Sarah und David und schickt sie zum Klezmer-Tanz, um seine Freundschaft mit den Juden zu unterstreichen. Der Deutsche, ein sturer Traditionsbock? Keineswegs. Er ist anpassungssüchtig, liebesbedürftig, geschmeidig, Ich-schwach.

Das wiederum erklärt die zum Teil hysterischen Reaktionen auf den Besuch des türkischen Ministerpräsidenten Erdogan. Weil die Türken ein eher stolzes Volk sind, entledigen sie sich ihrer Kultur auch im Ausland nicht so schnell. Ganz anders also als die Deutschen, die Verhaltens-Divergenzen sogar im Inland nicht aushalten, was sich am eindruckvollsten nach der Wiedervereinigung studieren ließ. Schwuppdiwupp hatten die Ossis die leicht besserwisserische Ellenbogenmentalität der Wessis übernommen, während die Wessis es ebenso schnell von den Ossis gelernt hatten, sich permanent beleidigt zu fühlen und zu jammern. Und was wir können, dürfen wir ja wohl von unseren Gästen, besonders den Türken, erwarten!

Es stimmt: Offen fordert kaum ein Deutscher, dass die Türken in diesem Land sich assimilieren müssen. Aber es wird nur deshalb nicht offen verlangt, weil man es unausgesprochen für eine Selbstverständlichkeit hält. Diesen kollektiven Anpassungsdruck hat Erdogan entlarvt. Gott schütze uns vor Sturm und Wind und Deutschen, die ganz bei sich sind!

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