Auf den Punkt : Der mysteriöse Anruf

Matthias Schlegel zur Pressekonferenz vom 9. November 1989

Matthias Schlegel
Matthias Schlegel
Matthias Schlegel -Foto: Kai-Uwe Heinrich

BerlinDie Geschichte wird nicht neu zu schreiben sein. Aber ein Aufreger ist es schon: Wenn die "historisch" bedeutsame Frage des italienischen Journalisten Riccardo Ehrman an jenem 9. November 1989 an SED-Politbüromitglied Günter Schabowski eben keine spontane war, sondern auf eine dringende telefonische Bitte eines SED-Funktionärs zurückging, ist das ein Detail, an dem sich Historiker abarbeiten können. Denn es öffnet Raum für die vielfältigsten Spekulationen. Die absurdeste zuerst: Das Ganze könnte eine abgekartete Sache einer kleinen Gruppe von SED-Funktionären gewesen sein, um die Maueröffnung zu beschleunigen. Das ist nicht allein deshalb unwahrscheinlich, weil es Schabowski heftig dementiert. Es ist vielmehr unlogisch: Schabowski selbst wollte die neuen Reiseregeln auf der Pressekonferenz auf jeden Fall verkünden, das steht fest. Er wollte dazu, und das ist belegt, nur den müden Ausgang der Pressekonferenz abwarten, um den ganzen Vorgang damit herunterzuspielen und eben genau jene Masseneuphorie nicht auszulösen, die dann doch eintrat. Denn der SED-Mann war durch die Nachfrage, ab wann denn die grenzenlose Reisefreiheit gilt, aus dem Konzept gebracht worden. Erst durch sein "sofort, unverzüglich" erhielt die Nacht ihre historische Dimension.

Eine andere Spekulation lautet, der mysteriöse Anrufer habe möglicherweise Schabowski misstraut, dass jener aus welchen Gründen auch immer vielleicht doch nicht mit der Neuigkeit rausrücken könnte. Das ist zumindest denkbar. Doch wenn der Anrufer tatsächlich der - inzwischen verstorbene - damalige ADN-Chef Günter Pötschke war, so war das keiner, der vorher oder auch nachher durch besonderen Reform- oder gar Umsturzeifer aufgefallen wäre. Das würde gegen diese Variante sprechen. Bleibt die wahrscheinlichste These: Der Anrufer hatte Wind davon bekommen, dass im engsten Machtzirkel der Partei eine neue Reiseregelung ausgearbeitet worden war. Er wollte seinem italienischen Journalistenfreund einen Tipp geben, von Kollege zu Kollege: Frag doch mal danach, das scheint interessant zu sein. Das ist die unspektakulärste Variante. Aber manchmal speist sich große Geschichte eben auch aus ganz kleinen Zufälligkeiten.

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