Auf den Punkt : Der Rütli-Ruck

Ulrich Zawatka-Gerlach über den Rütli-Campus in Neukölln

Ulrich Zawatka-Gerlach
Ulrich Zawatka-Gerlach
Ulrich Zawatka-Gerlach, Redakteur -Foto: Mike Wolff

BerlinDas ist doch toll! Das wärmt nicht nur das Herz, sondern macht auch Lust auf die bildungspolitische Zukunft Berlins. Bundesbauminister Wolfgang Tiefensee besucht heute den neuen Rütli-Campus in Neukölln, an seiner Seite die Schirmherrin Christina Rau und natürlich darf auch der Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky nicht fehlen. Sicher ist das nur einer von vielen Politiker-Besuchen, die vor zweieinhalb Jahren noch unvorstellbar gewesen wären. Damals wäre die Schule fast aufgelöst worden, weil niemand mehr wusste, wie man den schwierigen Schülern und deren Gewaltausbrüchen noch begegnen könnte. Ausgepowerte Lehrer und eine ratlose Schulbehörde standen dem machtlos und teilweise auch desinteressiert gegenüber. Dabei war Rütli nur eine von vielen Berliner Hauptschulen mit extrem hohen Migrantenanteilen, ohne jede Perspektive. Wäre diese Schule nicht, mehr oder weniger zufällig, in den Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit geraten, hätte sich an dieser Situation wohl auch nichts geändert.

Stattdessen hatte Rütli, 2006 noch "Hass-Schule" genannt, das seltene Glück, zu einem Synonym für den bildungs- und integrationspolitischen Aufbruch über Berlin hinaus zu werden. Es ging tatsächlich mal ein Ruck durch die Stadt - international aufmerksam und wohlwollend beachtet. Heute wird Rütli von der Deutschen Bahn gesponsert, Politiker drängeln sich auf dem Gelände, aber was viel wichtiger ist: Dort entstand fast aus dem Nichts heraus eine Exzellenz-Initiative, und zwar nicht nur für Neukölln. Ein Modellprojekt, das sich bundesweit sehen lassen kann. Der Rütli-Campus, 50000 Quadratmeter groß, steht für den Versuch, Kindern und Jugendlichen in einem sozial und wirtschaftlich äußerst schwierigen Lebensraum Perspektiven zu bieten, die ansonsten nur Schüler in bildungsbürgerlich starken Stadtregionen haben. Betreuung auf einem Areal von der Kita bis zum Abitur, dazu gehört auch eines der politisch-ideologisch umstrittenen Gemeinschaftsschulprojekte Berlins.

Man kann dem Campus nur alles Gute wünschen, für den Aufbau ist sogar genügend Geld vorhanden. Wo hat man das sonst? Es wäre allerdings schön, wenn es nicht das einzige Projekt dieser Art bliebe. Weder in Berlin noch in den bildungs- und sozialpolitisch so vielfältigen deutschen Landen.

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