Auf den Punkt : "Die Briten tun Gutes"

Tagesspiegel-Autor Bas Kast zur Stammzellen-Entscheidung in Großbritannien.

Bas Kast
Bas Kast, Wissenschaftsredakteur -Foto: Kai-Uwe Heinrich

Die Briten sind ein zutiefst moralisches Volk: Sie stellen konkretes Leid über abstrakte Vorstellungen. In Großbritannien dürfen weiterhin Embryonen aus einer Kombination von menschlichem Erbgut und Eizellen von Tieren für die Stammzellforschung geschaffen werden. Das Unterhaus in London stimmte am gestrigen Montag mit deutlicher Mehrheit gegen einen Antrag, die Bildung solcher „Chimären“ zu verbieten. Großbritannien bleibt damit eines der weltweit liberalsten Länder in punkto Stammzellenforschung - eines der medizinisch verheißungsvollsten Forschungsfelder überhaupt. Ziel dabei ist unter anderem, maßgeschneidertes Ersatzgewebe für kranke Menschen herzustellen. Es geht um mögliche Therapien gegen Parkinson, Diabetes und andere Leiden.

In Deutschland ist diese Forschung verboten. Nicht nur das, wir halten es auch noch für moralisch, diesen medizinischen Weg nicht zu verfolgen. Am Ende weiß man ja auch nicht wirklich, ob eine tolle Medizin dabei herauskommt! Ja, richtig. So ist die Forschung. Sie ist ein Risiko. Es gibt keine sicheren Ergebnisse. Also warten wir in Deutschland schön ab. Sollten die anderen dann irgendwann die Medizin entwickeln, greifen wir selbstverständlich und ohne Gewissensbisse zu. Wir in Deutschland fühlen uns gerne gut, die Briten dagegen tun Gutes. Wir verteidigen unsere "Werte" und die "Menschenwürde". Dabei übersehen wir, dass der konkret leidende Mensch den größten Wert und die größte Menschenwürde für uns haben sollte. Ein Gebilde von 30 Zellen kennt keinen Schmerz und kein Leid - der konkrete Mensch, den wir mit unserem angeblich so moralischen Embryonenschutzgesetz im Stich lassen, dagegen schon. Danke, Großbritannien.

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