Auf den Punkt : Die Erfahrung spricht

Gerd Appenzeller über Horst Köhlers "Berliner Rede"

Gerd Appenzeller
Gerd Appenzeller
Gerd Appenzeller, Redaktionsdirektor -Foto: Kai-Uwe Heinrich

Horst Köhler spricht über die Globalisierung. Diese Nachricht ist etwa so überraschend wie die Mitteilung, der Pfarrer wolle sich am Sonntag mit der Sünde befassen.

Globalisierung – das ist eines der beiden Groß-Themen des Bundespräsidenten. Das zweite ist die Aufforderung, Deutschland müsse reformfreudiger werden. Es gibt noch ein drittes, doch davon später.

Beides gehört irgendwie zusammen, die Bereitschaft zum Wandel und der Abbau der Ängste vor der weltweiten Konkurrenz um Aufträge, Löhne und Arbeitsbedingungen. Und weil man das Eine nicht ohne das Andere meistern kann, war es auch logisch und richtig, dass das Staatsoberhaupt bei seiner „Berliner Rede“ am Montag seinen Landsleuten Mut zusprach. Das gelang ihm deutlich besser, als die professionellen Köhler-Kritiker vorher befürchtet hatten. Die hatten mit einem der erwartbaren Rundumappelle an die wehleidigen Bundesbürger gerechnet, sich endlich zusammen zu nehmen und nach der guten, alten deutschen Devise „Jeder ist seines Glückes Schmied“ nicht zu jammern, sondern ran zu klotzen. Sie irrten.

Horst Köhler vermied jeden professoralen Unterton. Er sprach stattdessen aus dem Schatz seiner Erfahrungen, und die sind bei einem ehemaligen Direktor des Internationalen Währungsfonds, IWF, natürlich wirklich weltumfassend. Und was er sagte, kam ihm spürbar aus dem Herzen. Und da bewegt ihn eben, neben Globalisierungs- und Veränderungsängsten, noch ein drittes – und das ist Afrika. Afrika, der vergessene, verlassene, geschundene Kontinent, über den die Industrienationen gerne reden, dem sie wirkliche Hilfe zur Selbsthilfe aber verweigern. Im O-Ton Köhler hörte sich das so an: „Die Industriestaaten subventionieren ihren Agrarbereich mit fast einer Milliarde Dollar pro Tag. Den afrikanischen Staaten geben sie eine Milliarde Dollar Agrarhilfen – pro Jahr.“

Horst Köhler tat noch etwas, was man von ihm vielleicht nicht erwartet hätte: Er forderte eine politische Kontrolle und eine Rechenschaftspflicht der internationalen Kapitalmärkte. Auch das wird wohl gehört werden, nicht, weil es vom Bundespräsidenten kommt, sondern von einem früheren IWF-Chef.

Natürlich können die Mäkler sagen, Köhler habe uns in 50 Minuten erzählt, wie er die Welt besser machen wolle. Geschenkt. Was zählt, ist etwas anderes: Der Pfarrer hat von der Sünde gesprochen. Es war interessant, wir werden es uns merken.

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