Auf den Punkt : Die Gefahr der Ehre

Jost Müller-Neuhof zum Urteil gegen Morsals Bruder

Jost Müller-Neuhof
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Jost Müller-Neuhof, Redakteur Politik.Foto: Kai-Uwe Heinrich

BerlinEs wäre besser, es wäre nicht passiert, aber vielleicht musste es passieren. Am Freitag gleich nach dem Urteil gegen den Bruder der Deutsch-Afghanin Morsal O. brachen sich im Hamburger Landgericht die Gefühle Bahn. Die Angehörigen schrieen und tobten, der Vater schimpfte, die Mutter konnte gerade noch gehindert werden, aus dem Fenster zu springen. Der Bruder muss lebenslang in Haft, er hat einen "Ehrenmord" begangen, urteilten die Richter, Hass und Wut habe er empfunden auf seine Schwester, der familiäre Traditionen und Konventionen egal waren und die nach ihrem Muster leben wollte, dem westlichen, mit Schminke, Freund und Disko.

Vielleicht musste es passieren: Die Tat war das Ergebnis jahrelanger familiärer Konflikte, in der Gewalt, Züchtigung und archaische Rollenmuster den Alltag prägten. Hinzu trat der Faktor eines psychisch gestörten, aggressiven Bruders, der Morsal in einem barbarischen Akt zusammenstach.

Es sprach einiges dafür, diese Tat "nur" als Totschlag zu ahnden und dennoch hart zu bestrafen. Ein psychiatrisches Gutachten, über das die Richter sich jetzt hinwegsetzten, der gesamte Vorlauf der Geschichte. Stattdessen holte das Gericht zu einem Rundumschlag aus, es setzte nicht nur die "Ehrenmord"-Motive an die zentrale Stelle der Urteilsbegründung, es gab den Eltern moralische Mitschuld am Tod der Tochter. Mordurteil und moralische Verdammung. Härter kann ein Strafprozess nicht enden.

Dann, nach dem Urteil, ging endgültig alles kaputt, brach alles zusammen, was noch zusammenbrechen konnte. Niemand sollte diesen dramatische Epilog einer privaten Tragödie als Clash der Kulturen missverstehen: Es war die öffentliche Implosion einer gescheiterten Familie. Dafür mögen Ämter zuständig sein - und vielleicht haben sie hier auch versagt - , nicht jedoch Strafrichter. Ihre Aufgabe ist, die Wahrheit zu finden und schuldangemessen zu strafen. Vor einigen Jahren neigte die Justiz noch dazu, kulturell-traditionalistische Motive mildernd zu berücksichtigen - ein Fehler, der behoben ist. Ein Täter, der jetzt noch von Ehre redet, so scheint es, riskiert gleich lebenslang. Statt das Gleichgewicht zu halten, das Strafjustiz braucht, droht sie mit den Stimmungen der Mehrheitsgesellschaft zu pendeln.

Welche Strafe hat der Bruder verdient? Eine, die jenseits von Erregung, Klischees und Politisierung gefunden wird. Ob dies dem Hamburger Gericht gelang, ist zweifelhaft. Die Revision wird es klären.

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