Auf den Punkt : Die Gene der Grünen

Auf einem kleinen Parteitag sprach Grünen-Chef Özdemir am Wochenende von "genetischen Unterschieden" zwischen der FDP und seiner Partei. Kein Grüner protestierte - und deutsche Medien müssen sich die Frage gefallen lassen, ob sie doppelmoralisch sind.

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Referiert über genetische Unterschiede zwischen grünen und gelben Politikern: Cem Özdemir.
Referiert über genetische Unterschiede zwischen grünen und gelben Politikern: Cem Özdemir.

Weil der Gute von sich glaubt, stets nur gut zu sein, kommt er nicht auf den Gedanken, dass das vielleicht nicht stimmt. Dabei ist spätestens seit Unicef, der Treberhilfe und Walter Mixa klar, dass keiner davor gefeit ist zu fehlen, und dass auch jene, die um das Seelenheil anderer besorgt sind, den Sünden einer verkümmerten Moral erliegen können.

Die Grünen hatten am Wochenende einen kleinen Parteitag in Köln. Es ging ihnen vor allem um die Abgrenzung zur FDP. Mit den Liberalen gehe nichts, rief Grünen-Chef, Cem Özdemir, seinen Anhängern zu, weder im Land noch im Bund. Denn dazu seien die „genetischen Unterschiede“ (!!!) zu groß. Das muss man zweimal gehört haben. Die Unterschiede zwischen guten Grünen und bösen Liberalen seien also gewissermaßen erblich bedingt. Der Bundesvorsitzende der deutschen Grünen differenziert in eindeutig wertender Absicht politische Kollektive nach biologischen, genetischen Merkmalen. Das ließe sich durchaus unter einen erweiterten Rassismusbegriff subsumieren.

Nun könnte man meinen, dass sich daraufhin in Köln unter den historisch sensiblen Grünen blankes Entsetzen ausgebreitet hätte. Man stelle sich einmal analoge Fälle vor: Guido Westerwelle sagt, die Unterschiede zwischen Leistungsträgern und Hartz-IV-Empfängern seien genetisch bedingt; Thilo Sarrazin sagt, die in Deutschland lebenden Türken integrierten sich nicht aus genetischen Gründen; Walter Mixa sagt, die genetischen Unterschiede zwischen katholischen Christen und Ungläubigen seien für eine Zusammenarbeit schlicht zu groß. Stante pede und zu Recht würden solche Sätze zu lautesten Wutschnaubereien führen. Skandal, Empörung, Rebellion. Claudia Roth wäre eine der ersten, die Dampf ablassen würde, dicht gefolgt vom Zentralrat der Juden und Wolfgang Thierse. Inkriminiert würden in ansteigender Intensität die „unerträgliche Wortwahl“ und der „braune Ungeist“.

Doch in Köln blieb alles ruhig. Kein Grüner protestierte, kein Journalist merkte auf, keine Nachrichtenagentur verbreitete das Özdemir-Zitat. Nur am Abend in der Tagesschau war es dann zu hören. Dabei handelte es sich nicht einmal um einen Ausrutscher. Tags zuvor hatte Özdemir im „Hamburger Abendblatt“ gesagt: „Der Atomausstieg ist für uns unverhandelbar. Das ist quasi genetisch bedingt.“

Sind deutsche Medien voreingenommen, doppelmoralisch? Drücken sie bei als nett empfundenen Menschen ein Auge auch für solche rhetorischen Missgriffe zu (nach dem Motto: der meint das doch gar nicht so), für die sie die als unnett empfundenen Menschen verprügelt hätten? Nach dem Schweigen von Köln sollte es sich keiner mit der Antwort auf diese Fragen zu leicht machen.

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