Auf den Punkt : Die gute Nachricht

Malte Lehming über die neue Frömmigkeit in der deutschen Politik

Malte Lehming
Malte Lehming
Malte Lehming, Leitender Redakteur (Meinung) -Foto: Kai-Uwe Heinrich

Preisfrage: Von wem stammt dieser Satz? „Ohne die Religionen, ohne den Glauben, ohne die Kirchen gäbe es keine Grundlage für allgemein verbindliche Moralnormen gegenwärtig in unserer Gesellschaft.“ Ganz richtig, von Gregor Gysi, dem Vorsitzenden der Linksfraktion im Bundestag. Gesagt hat er ihn in einem Interview mit der katholischen Zeitschrift „Kompass“ (November-Ausgabe, Untertitel: „Soldat in Welt und Kirche“, herausgegeben vom katholischen Militärbischof). Die Überschrift des Gesprächs, das die Zeitschrift gemeinsam mit Gysi und Jörg Schönbohm geführt hat, lautet denn auch: „Religionen vermitteln verbindliche Moralregeln“. Am Schluss bekennt der Linkspolitiker: „Obwohl ich nicht religiös bin, fürchte ich also eine gottlose Gesellschaft nicht weniger als jene, die religiös gebunden sind.“ Da tut sich was bei den Sozialisten.

Auch bei den Liberalen tut sich was. Seit Mai gibt es die Gruppe „Christen in der FDP-Bundestagsfraktion“. Inzwischen zählt sie, wie der „Spiegel“ staunend berichtet, schon 40 Mitglieder, fast die Hälfte der Fraktion. Neulich soll es im Andachtsraum des Bundestages zum ersten Mal eine Andacht nur für FDP-Abgeordnete gegeben haben. So voll, erinnert sich ein Teilnehmer, sei es dort noch nie gewesen. Werden aus Neoliberalen plötzlich Neofromme? Parteichef Guido Westerwelle verkündete auf dem letzten Evangelischen Kirchentag in Bremen: „Ich bin aus Glauben und Überzeugung in der Kirche.“ Sein größtes Talent, Gesundheitsminister Philipp Rösler, sitzt im Zentralkomitee der Katholiken. Lediglich Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, die allerdings regelmäßig Einladungen in Evangelische Akademien annimmt, und Dirk Niebel folgen noch dem alten liberalen Motto: „Religion ist Privatsache.“

Doch was früher die Regel war, ist heute die Ausnahme. Deutschlands Spitzenpolitiker sind so fromm, gläubig und religionsaffin wie selten zuvor. Hermann Gröhe, der neue CDU-Generalsekretär, ist Mitherausgeber des evangelischen Wochenmagazins „Chrismon“, von 2003 bis 2009 war er Mitglied des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Karl-Theodor zu Guttenberg stammt aus einer urkatholischen Familie, sein Vater, Enoch zu Guttenberg, hält selbst die Liturgiereform von Papst Paul VI. für falsch („schlimmer Tausch einer bald tausendjährigen ehrwürdigen Liturgie gegen schlechte Klampfen-Veranstaltungen“). Ausgesprochen engagierte Christen sind auch Finanzminister Wolfgang Schäuble, Innenminister Thomas de Maiziere (Präsidiumsmitglied des Deutschen Evangelischen Kirchentages), Kanzleramtschef Ronald Pofalla (streitet für das Kreuz in öffentlichen Räumen), Familienministerin Ursula von der Leyen (pro christliche Erziehung) und Annette Schavan (Mitglied im Zentralkomitee der deutschen Katholiken).

Vorbei ist jedenfalls die Zeit, als Kabinettsmitglieder und auch ein Bundeskanzler bei ihrer Vereidigung auf den Zusatz verzichteten: „So wahr mir Gott helfe.“ Im neuen Kabinett von Pfarrerstochter Angela Merkel sprach ihn jeder. Und wem selbst das nicht reicht, kann seit dem vergangenen Sonntag dem neu gegründeten „Arbeitskreis Engagierter Katholiken in der CDU/CSU“ (EAK) beitreten. Dort sollen Katholiken ermutigt werden, sich innerhalb der C-Parteien noch profilierter politisch zu engagieren.

Ist das nötig? Von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt schlägt sich die geballte Frömmigkeit unserer Spitzenpolitiker bereits nieder. Im Koalitionsvertrag steht zum ersten Mal überhaupt, dass sich die Bundesregierung für Religionsfreiheit einsetzen und dabei ein besonderes Augenmerk auf die Lage christlicher Minderheiten legen will. Wer aus der Opposition wollte dem widersprechen? Andrea Nahles vielleicht, die starke Frau der SPD, tief gläubige Katholikin und seinerzeit Kämpferin für Pro-Reli in Berlin? Oder Bundestagsvizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt von den Grünen, Präses der EKD-Synode, Mitglied im Präsidium des Kirchentages und Präsidentin des 33. Kirchentages 2011 in Dresden?

Selbst in der Linkspartei – und nicht allein bei Gysi – wächst die Einsicht in die Kraft des Frommen und Faktischen. Bodo Ramelow, Ex-Spitzenkandidat bei der Thüringer Landtagswahl, der seinen Sozialismus gerne von Jesus Christus ableitet, sagte im „Spiegel“: „Ich warne meine Partei davor, antireligiös zu agieren. Wir haben Bündnispartner, die in Kirchen gebunden sind. Die dürfen wir nicht verlieren.“

Die einzige ökumenische Bibel im deutschen Sprachgebiet heißt „Die gute Nachricht“.

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