Auf den Punkt : Die Liebe zur Straße

Malte Lehming über die Krawalle in Griechenland

Malte Lehming
Malte Lehming
Malte Lehming, Leitender Redakteur (Meinung) -Foto: Kai-Uwe Heinrich

BerlinIm Unterschied zum Einzelnen, der ja schon mal ausgeflippt, bizarr, brutal oder unverständlich sein kann, hat die Masse im Zweifel ein berechtigtes Anliegen. Weil sie Masse ist, ist sie überindividuell, eine Bewegung und damit politisch. Der Einzelne ist ein Nichts, die Masse zumindest ein Phänomen. Diesem Phänomen bringt man Neugier entgegen, lässt sich von ihm fesseln und begeistern. Die Masse ist stets mehr als viele Einzelne.

Darum schwingt in unserem Reflex auf Massenerscheinungen oft eine gehörige Portion Empathie mit. Ein Verbrecher muss bestraft, viele Verbrecher aber wollen gedeutet werden. Das lässt sich aktuell gut in vielen Berichten über die Krawalle in Griechenland nachlesen. Am Samstag war ein Fünfzehnjähriger im berüchtigten Athener Stadtteil Exarchia gestorben, vermutlich von einem Polizisten erschossen, vermutlich kaltblütig. Seitdem brennt es in ganz Griechenland Nacht für Nacht. Die destruktive Energie der Randalierer kennt kaum Grenzen. Sie schmeißen Steine, zünden Geschäfte und Gebäude an, plündern und zerstören. Hätten sich ihre Proteste auf Athen und 24 Stunden beschränkt, hätte man sie wahrscheinlich, wie in Berlin nach dem 1. Mai, unter der Rubrik "traditioneller Gewaltausbruch" verbucht.

Doch Dauer und Intensität scheinen, wie damals in den Pariser Vororten, auf jenes Quäntchen Mehr hinzuweisen, das aus vielen durchgeknallten Einzelnen, trotz vorsätzlicher Gesetzesübertretung, einen bemitleidenswerten Haufen frustrierter, wütender, benachteiligter junger Menschen macht. Und so müssen diverse Begründungen ran - die Bildungspolitik, die hohe Jugendarbeitslosigkeit, der Nepotismus, die Korruption, die Bürokratie. Da kehrt sich was um: Je abscheulicher das Verbrechen eines Einzelnen, desto stärker das Verurteilungsmoment; je länger und intensiver die Verbrechen eines Kollektivs, desto stärker das Verstehenwollen.

Masse verführt, denn Masse ist verführerisch. Ihre im Zweifel positive Perzeption lässt sich kaum widerlegen. Deshalb werden die Nazis gern auf Hitler, den Einzelnen, reduziert und die Milllionen, die Hamas und Hisbollah auf die Straße treiben, entweder verschämt ignoriert oder ebenfalls als irgendwie legitimer Ausdruck berechtigten Zorns interpretiert. Die Straße ist zur klammheimlichen Freude linker wie rechter Spießer geworden. Und warum? Weil Masse in unserer Wahrnehmung nicht nur an sich gut ist, sondern es auch bleiben soll, ob als Bürgerrechtsbewegung, Ostermarsch, 68er-Demo oder friedliche Revolution.

Und nun zurück nach Athen.

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