Auf den Punkt : Die Linke lebt!

Malte Lehming über Kurras, die DDR und den Sozialismus

Malte Lehming
Malte Lehming, Leitender Redakteur (Meinung) -Foto: Kai-Uwe Heinrich

 Wenn ein Linker einen Linken tötet, war es dann eine Art Brudermord? Diese Frage nach den neuesten Erkenntnissen über den früheren Berliner Kriminalobermeister Karl-Heinz Kurras zu stellen, der am 2. Juni 1967 den Studenten Benno Ohnesorg erschoss, ist perfide. In welchem Sinne Kurras "links" war, ist unklar. Laut Akten der Birthler-Behörde soll er sich auf eigene Initiative dem DDR-Regime angedient haben, sei seit Juli 1965 SED-Mitglied gewesen und bereits seit 1955 ein üppig besoldeter inoffizieller Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS). Einen Zusammenhang seiner offenkundigen ideologischen Präferenz und Agententätigkeit mit dem Schuss auf Ohnesorg belegen die Akten allerdings nicht. Kurras könnte also ebenso ein im Kern reaktionärer DDR-Verehrer gewesen sein. Auch solche gab es zu Zeiten des real existierenden Sozialismus.

Ohnesorg wiederum war allenfalls ein Gefühlslinker. Mehr von Bloch, Camus und Sartre geprägt als von Marx und Engels. Freilich reiste er Mitte der 60er Jahre öfter mal nach Ost-Berlin, aber erstens war das nichts Ungewöhnliches, und zweitens geschah es nur, um sich billige Bücher und Schallplatten zu kaufen und im Theater am Schiffbauerdamm Stücke von Brecht zu sehen. Wer mit linken Idealen liebäugelt, rechtfertigt noch längst nicht Gulag, Mauerbau und Grenztote.

Und deswegen verstellt die nachträgliche Zuspitzung - Linker tötet Linken - mehr, als sie erhellt. Kurras und Ohnesorg lebten auf anderen Planeten. Um sie herum jedoch existierte dasselbe Universum. Und insofern symbolisiert der Aktenfund eine andere Wahrheit: Der real existierende DDR-Sozialismus war de facto ein permanenter Anschlag auf linke Ideale. Der Schuss von Kurras auf Ohnesorg zeigt, wohin Linkssein pervertieren kann. Kann man nach dem Zusammenbruch des real existierenden Sozialismus noch links sein? Ja, aber es ist schwieriger geworden. Die Linke lebt - trotz der Verbrechen, die in ihrem Namen begangen wurden.

Denn so ist es immer: Starke Systeme überleben selbst tödliche Anschläge auf einige ihrer Mitglieder, die begangen wurden von Verrätern an den Idealen. Deswegen wird auch der Marktliberalismus trotz Bankenpleiten und Finanzkrise überleben. Die Prediger eines grenzenlosen Kapitalismus mögen die liberalen Ideen pervertiert haben, wie ein Kurras die Ideale des Sozialismus pervertiert hat, doch weder Liberalen noch Sozialisten hat das den Todesstoß versetzt. Die DDR und der Raubtierkapitalismus sind jämmerlich zu Grunde gegangen. Sozialismus und Liberalismus indes erfinden sich in gezähmter Form immer wieder neu.

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