Auf den Punkt : Ein Denkmal beschädigt sich selbst

Bernd Matthies zum Heesters-Urteil

Bernd Matthies
Bernd Matthies
Bernd Matthies, Redakteur für besondere Aufgaben.Foto: Kai-Uwe Heinrich

BerlinEs war wohl keine gute Idee von Johannes Heesters, sich zum 105. Geburtstag ein Gerichtsurteil schenken zu lassen. Es war vermutlich überhaupt keine gute Idee, gegen den renommierten Autor und Theaterhistoriker Volker Kühn vorzugehen, nur weil der behauptet hatte, Heesters sei 1941 vor den Wachmannschaften des Konzentrationslagers Dachau aufgetreten. Das Gericht hat die Klage des greisen Künstlers nun abgewiesen, und es hat dies mit überzeugenden Argumenten getan. In der Begründung heißt es: Ob Heesters aufgetreten sei oder nur zu einer Besuchergruppe gehört habe, sei nicht mehr aufzuklären, weil es für beide Versionen Belege gebe. Kühn habe insofern seine journalistische Sorgfaltspflicht erfüllt, und es könne ihm nicht nachgewiesen werden, dass er unrecht habe.

Ein klarer Sieg für die Freiheit seriöser journalistischer Arbeit also. Und Heesters, der in dieser Angelegenheit wohl von seiner Frau schlecht beraten war, wird sich fragen müssen, ob diese überflüssige Prozesshanselei möglicherweise stark dazu beitrug, den epochalen Geburtstag zu überschatten. Denn dass der von Hitler verehrte Schauspieler mit einer Abordnung des Münchner Gärtnerplatztheaters in Dachau zu Besuch war, das war sein entscheidender Fehler; ob er ihn durch einen kleinen Auftritt vor den Wachmannschaften besiegelt hat, hätte außerhalb der Fachöffentlichkeit niemanden interessiert, und es macht einen äußerst geringen Unterschied. Nun weiß halb Deutschland nicht nur, dass dieser Auftritt zumindest mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit stattgefunden hat, sondern es erinnert sich auch daran, dass Heesters überhaupt zu Besuch in Dachau war - zu einem Zeitpunkt, als man kein Eingeweihter sein musste, um zu wissen, was dort vor sich ging. Ein Denkmal hat sich noch einmal selbst beschädigt.

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