Auf den Punkt : Ein Risikopapier

Lorenz Maroldt über das neue Buch von Friedrich Merz

Lorenz Maroldt
Lorenz Maroldt
Lorenz Maroldt, Chefredakteur -Foto: Kai-Uwe Heinrich

BerlinIch habe gestern Abend das getan, was Deutschland am meisten braucht: Ich habe Geld ausgegeben, und zwar genau 19 Euro 90 für ein skurril anmutendes, ganz neues Buch mit dem Titel "Mehr Kapitalismus wagen - Wege zu einer gerechten Gesellschaft". Autor: Friedrich Merz, der abgewürgte Reformmotor der CDU.

Noch mehr Kapitalismus! Ausgerechnet jetzt! Mehr gegen den Mainstream geht nicht, das ist antizyklisches Verhalten wie aus dem Lehrbuch. Das ganze Ausmaß der Krise war zwar bei Drucklegung noch nicht offensichtlich, aber für einen Experten - und ein solcher will Merz ja sein - seit spätestens Anfang des Jahres absehbar; da schrieb Merz noch. Um es kurz zu machen: 220 Seiten hat das Werk, aber der Inhalt würde auch locker auf die Rückseite des Bierdeckels passen, auf dem Merz einst sein Steuermodell aufgeschrieben hat. Alles zusammengesetzt aus dem Billigbaukasten des Turboreformers. Und angesichts der globalen Finanzkrise, ihrer Ursachen und Wirkungen, lesen sich Teile des Buches eher wie eine Witzesammlung. Das Buch ist ein Mängelexemplar, und für den Verlag - ein Risikopapier.

Merz handelt die Missbildungen im System auf ein paar Zeilen ab; verantwortlich dafür seien allein die Gier, die Gehälter und die gefährlichen Geschäfte "einiger", also weniger schlechter Manager. Den Finanzmarkt selbst aber verteidigt Merz. Und da fällt er böse auf den Bauch. So sieht er "nichts Verwerfliches darin, dass sich die Kapitalmärkte von den Gütermärkten abgekoppelt haben". Aber das ist der Kern des derzeitigen Problems, das nun auf Kosten der Steuerzahler gelöst werden soll. Unfreiwillig komisch wirkt auch der herunter gebetete Glaubensgrundsatz, der Markt weiß alles besser und der Staat macht alles schlechter. Die Finanzkrise sieht Merz in Deutschland noch als exklusives Problem der öffentlich-rechtlichen Banken. Da wurde zweifellos auch gestümpert, wie sich besonders an der Lehman-Panne der KfW zeigte. Aber so richtig angekommen ist die Krise in Deutschland mit der Notlage der riesigen Hypo Real Estate, deren beinahe-Privatpleite schnell mal sozialisiert wurde.

Es überstieg wohl vor kurzem noch das Vorstellungsvermögen von Merz, dass Milliardengarantien nicht nur für Landesbanken erforderlich sein könnten. Dessen Forderung, wir müssten nur mehr Vertrauen in die Fähigkeiten des Marktes haben, da dieser "die Verbraucherwünsche dauerhaft und optimal" koordinieren könne, wirkt angesichts der gefloppten tollen "Finanzprodukte", die den Leuten aufgeschwatzt wurden, reichlich obszön. Das gilt auch für die kalte Analyse, die Merz am späten Montagabend bei "Beckmann" präsentierte: Das Problem sei ein psychologisches. Das gilt allenfalls und nur zum Teil für das schnelle Wachstum des Problems. Aber jemand, der ganz physisch sein Geld verloren hat, darf sich bei so einem Spruch zu Recht verklapst vorkommen.

Gewisse seherische Fähigkeiten besitzt Merz allerdings doch. So raunt er, die Kritik am Kapitalismus werde sich vermutlich noch einmal verschärfen. So kam es, und zwar schneller, als das Buch auf dem Markt war. Die von Merz behauptete "moralische Überlegenheit" des von ihm beschworenen Wirtschaftssystems hat jedenfalls arg gelitten. Das System selbst ist durch die drastische Intervention der Staaten diskreditiert. Das Beste, was sich darüber noch sagen lässt: Es war nicht alles schlecht. Aber das hatten wir ja auch schon mal.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben