Auf den Punkt : Ein Überfall auf Berlin

Ursula Weidenfeld über den Streik bei der BVG

Ursula Weidenfeld
Ursula Weidenfeld.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Tarifautonomie ist die eine Sache, ein Überfall auf die Allgemeinheit eine andere. Gestern abend hat die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi beschlossen, von heute früh an zu streiken. Wie Kinder in die Schule, ältere Menschen zum Einkaufen oder zum Arzt, Berufstätige zur Arbeit kommen? Egal. Hauptsache Tarifautonomie, Hauptsache Arbeitskampf.

Wer eine der wichtigsten Infrastruktur-Einrichtungen der Stadt beherrscht, darf sich so nicht verhalten. Ein Streik ohne Vorwarnung? Einen Tag und eine Nacht muss man den Betroffenen eines Arbeitskampfes schon zubilligen, damit Termine verschoben und Fahrgemeinschaften organisiert werden können. Klar, es gibt keinen lieben Arbeitskampf. Lohnauseinandersetzungen sind immer mit Härten für Dritte verbunden. Doch müssen es sich die BVGler schon gefallen lassen, dass man bei einem so rüden Vorgehen auch in der Sache ein bisschen genauer hinguckt.

Der Streit geht nämlich nicht nur um Lohnprozente - und da ist eine Forderung von 12 Prozent schon spektakulär -, er geht auch um den bereits vereinbarten Sanierungsbeitrag der Arbeitnehmer. Der Berliner Nahverkehr ist immer noch tief in den roten Zahlen. Trotzdem sind die Jobs bis zum Jahr 2020 sicher, so haben es die Beteiligten im Sanierungstarifvertrag vor zwei Jahren unterschrieben. Dass heute ein ernster Interessenkonflikt besteht, bestreitet niemand. Dass die Erwartungen der Arbeitnehmer jedenfalls teilweise berechtigt sind, stellt auch niemand in Abrede. Dass aber andererseits ein verarmtes Gemeinwesen wie Berlin Probleme hat, Lohnforderungen wie dieser nachzukommen, sollte auch allen Beteiligten klar sein. Jedenfalls dann, wenn man eine Kündigung des Beschäftigungspaktes und Entlassungen vermeiden will.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben