Auf den Punkt : Eine historische Volksentscheidung

Lorenz Maroldt über den Termin von Pro Reli

Lorenz Maroldt
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Lorenz Maroldt, Chefredakteur -Foto: Kai-Uwe Heinrich

BerlinIst Klaus Wowereit ein religionsfeindlicher Trickser? Die emotionale Erregung über die Frage des richtigen Abstimmungstermins der Volksentscheidung zur Initiative Pro Reli ist jedenfalls ebenso groß wie die Aufwallung in der Sache selbst. Gerade deswegen aber ist sie grotesk. Gegner und Befürworter sind dermaßen gut eingestimmt, dass sie auch am 26. April abstimmen werden und vielleicht sogar ganz froh sind, nicht bis zum 7. Juni warten zu müssen. Die Europawahl ist ja nun auch nicht gerade ein Straßenfeger.

Außerdem ist die Vorstellung, das Wiederkäuen der immergleichen Argumente beider Seiten jetzt auch noch bis zum Sommer zu erleiden, wirklich erbarmungswürdig. Selbst wenn der 7. Juni 1,4 Millionen Euro billiger und bürgerfreundlicher gewesen wäre, ist der 26. April doch auch für die Befürworter der Initiative ein schöner Tag: Erst diese Entscheidung des Senats gibt ihnen die erwünschte Vorlage für die Trickser-Kampagne, schürt so die Erregung und wirkt wunderbar mobilisierend.

Zudem ist der 26. April historisch von hoher Bedeutung: Nicht nur, dass an jenem Tag 1935 in Berlin die erste Welt-Hunde-Ausstellung eröffnet wurde; nein, 1220 übergab Staufer-Kaiser Friedrich II. den Bischöfen wesentliche Königsrechte, 1518 legte Martin Luther in Heidelberg am 26. April seine Theologia Crucis dar, und 1977 empfängt Papst Paul VI. an diesem Tag den Erzbischof von Canterbury, um Aussöhnungsgespräche mit der anglikanischen Kirche zu führen. Welttag des geistigen Eigentums ist der 26. April übrigens auch. Da ist doch für jeden etwas dabei, sogar die Katastrophe von Tschernobyl als himmlisches Zeichen des göttlichen Zorns. Hat sich Wowereit am Ende selber ausgetrickst?

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