Auf den Punkt : Eine starke Gemeinschaft

Malte Lehming über den Nutzen des Korpsgeistes

Malte Lehming
Malte Lehming Foto: Kai-Uwe Heinrich
Malte Lehming, Leitender Redakteur (Meinung) -Foto: Kai-Uwe Heinrich

BerlinDas Wort soll unangenehme Assoziationen wecken - an schlagende Verbindungen, geheime Soldatencliquen oder die Mafia. Deshalb steht, wer den Korpsgeist verdammt, zunächst einmal im Ruf, den Anstand gegen dessen Missbrauch verteidigen zu wollen. Und damit nicht der geringste Zweifel entsteht: Wenn ein Polizist, wie womöglich am Silvesterabend in der brandenburgischen Stadt Schönfließ geschehen, ein Verbrechen beobachtet, muss er es melden. Punkt.

Doch Korpsgeist als solcher ist auch ein anderer Begriff für Solidarität, Teamgeist und Aufopferung. Also für durchaus positive Haltungen. Kein Wunder, dass er sich besonders stark in jenen Gruppen ausprägt, deren Mitglieder häufigen Anfeindungen ausgesetzt sind, bei Ärzten, Polizisten, Soldaten, Frauen, Politikern, Immigranten, Gläubigen. Massiver Druck von außen zementiert den inneren Zusammenhalt. Man fühlt sich als eingeschworene Gemeinschaft, die sich behaupten muss gegen Diskriminierung, Vorurteile und Ignoranz.

Kommt als Kriterium die Effizienz in der Arbeit oder dem Sport hinzu, versteht jeder, wie töricht es wäre, allein im Namen der objektiven Gerechtigkeit gegen den Korpsgeist zu verstoßen. Welcher Fußballspieler rennt zum Schiedsrichter, um das Foul des eigenen Mittelfeldspielers anzuzeigen? Welcher Fußballfan stimmt ein gellendes Pfeifkonzert an, wenn der Stürmer der eigenen Mannschaft mit einer Schwalbe versucht, einen Elfmeter zu schinden? Nein, im Sport, Spiel und in der Wirtschaft (corporate identity!) dulden wir nicht nur Korpsgeist, wir fordern ihn sogar. In diesem Sinne verstehen sich auch Polizisten, Feuerwehrleute und Soldaten oft als Teamspieler, die sich schon deshalb nicht gern gegenseitig bezichtigen, weil das nur ihren zahlreichen Kritikern nützt. Außerdem wissen sie, dass ihr Zusammenhalt im Einsatz Leben retten kann. Alleine steht jeder Polizist und jeder Soldat auf verlorenem Posten.

Der Korpsgeist in einigen Gemeinschaften wird sogar gesetzlich geschützt und gefördert. Kein Familienmitglied kann gezwungen werden, gegen ein anderes auszusagen. Mit anderen Worten: Verwandtschaftliche Bindungen werden vom Staat als ein höheres Gut erachtet als die Notwendigkeit, ein Verbrechen aufzuklären. Kein Geistlicher kann gezwungen werden, gegen das Beichtgeheimnis zu verstoßen, selbst wenn sich dadurch ein Massenmörder überführen ließe.

Korpsgeist ist die Essenz jeder Gemeinschaft. Im allgemeinen ist er gut, nützlich und sinnvoll. Nur ausnahmsweise kann der Verstoß gegen ihn eine Tugend sein.

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