Auf den Punkt : Es können Fehler passieren

Verteidigungsminister Jung muss sein Wissen über den Angriff von Kundus schnell öffentlich machen. Wenn die Bombardierung im Ergebnis ein Fehler war, dann hilft es keinem, darum herumzudrucksen.

Robert Birnbaum
Robert Birnbaum
Robert Birnbaum, Reporter der Parlamentsredaktion -Foto: Kai-Uwe Heinrich

Wer einen Fehler gemacht hat, dem hilft nur eins: die Wahrheit auf den Tisch. Danach, nicht vorher, kann er klären und erklären, weshalb der Fehler vielleicht unvermeidlich war. Danach, nicht vorher, kann er auf gerechte Beurteilung plädieren. Er kann das mit umso größerem Recht, je schneller die Wahrheit klar ist.

Dem Bundesverteidigungsminister Franz Josef Jung bleibt deshalb nur noch sehr, sehr wenig Zeit. In der Nacht zu Freitag hat der Kommandeur des deutschen Feldlagers in Kundus Kampfjets angefordert. Sie sollten zwei Tankwagen angreifen, die ein Taliban-Trupp überfallen und entführt hatte. Sie haben den Angriff geflogen. Aber in dem Feuerball verbrannte nicht nur eine halbe Hundertschaft Aufständischer. Verletzt und getötet worden sind offensichtlich auch unschuldige Einheimische, die aus Neugier oder angelockt von der Aussicht auf kostenloses Benzin am Schauplatz waren.

Dass das wirklich so war, steht zwar nicht mit der Gewissheit fest, mit der deutsche Tatort-Kommissare ihre Fälle ausermitteln. Aber man muss schon eine sehr umfangreiche Verschwörungstheorie bemühen, um die Berichte afghanischer Augenzeugen ins Reich der Anti-Nato-Propaganda zu verweisen. Das tut ja übrigens auch keiner. Jungs Ministerium hat zunächst und offenbar in gutem Glauben versichert, kein Zivilist sei zu Schaden gekommen, danach hat es vorsichtig ein „nach jetzigem Kenntnisstand“ nachgeschoben.

Formal ist das in Ordnung. So wie es in Ordnung ist, dass sich die politische Spitze vor ihre Leute im Einsatz stellt. Aber so falsch das vorschnelle, so falsch wäre das Urteil, das vorsätzlich langsam daherkommt oder auch nur nach Verzögerung riecht.

Woraus folgt: Jung muss das notgedrungen scheibchenweise, unvollständige, nicht abschließend gesicherte eigene Wissen sofort öffentlich machen, und nicht irgendwann in einem Abschlussbericht. Wohlgemerkt, es geht da nicht um Schuld oder Unschuld, Versäumnis oder tragischen Umstand. Das alles ist später zu klären. Es geht um einen Ablauf. Um den in seinen entscheidenden Momenten zu ermitteln, braucht es keine Kriminalistik. Ob die Toten, die am Freitag in Kundus beerdigt worden sind, ob die Verbrannten in den Krankenhäusern Taliban, Taliban-Helfer oder harmlose Dörfler sind, ist mit letzter Gewissheit kaum zu ermitteln. Ob die Bundeswehr den Schauplatz bis zu dem Moment, als die Kampfjets kamen, unter Beobachtung hatte oder nicht, lässt sich aber schnell feststellen. Was den Kommandeur zu der Entscheidung gebracht hat, den Nachtangriff anzuordnen, ist ebenfalls nicht schwierig zu erforschen.

Dass diese schlichten Fakten auf den Tisch kommen, liegt nicht zuletzt im Interesse der Soldaten selbst. Wenn der Angriff im Ergebnis ein Fehler war, dann hilft es keinem, darum herumzudrucksen. Wenn nicht, dann muss das umso schneller offen ausgesprochen werden. Im Krieg, auch wenn er nicht so heißen darf, passieren Fehler. Schlimm wird das erst, wenn sie auch nicht so heißen dürfen.

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