Auf den Punkt : Frau Merkel

Elisabeth Binder zur Weiblichkeit der Kanzlerin

Elisabeth Binder
Elisabeth Binder
Elisabeth Binder, Redakteurin für besondere Aufgaben

Macht braucht Panzer. So kannten wir es bisher. Die Rüstung der modernen Karrierefrau, egal ob im Top-Management eines großen Konzerns oder an der Spitze einer Bank, verlangt nach dunklem Hosenanzug mit hochgeschlossener Bluse. Daran hielt sich auch die junge Physikerin Angela Merkel, als sie nach der Wende eine Politik-Karriere im Westen startete. Ihre Rüschenblusen waren allerdings nicht ganz so stromlinienförmig, nicht ganz so stehkragenstreng wie die der Bankerinnen, und gaben entsprechend Anlass zu Gelächter. Zur Schau gestellte Weiblichkeit im Job, auch wenn sie hochgeschlossen war, wurde eher als Schwäche interpretiert, so nach dem Motto: "So wie die rumläuft, kann das ja nichts geben."

Angela Merkel
Angela Merkel beim Staatsbesuch in Norwegen. -Foto: dpa

Die neuesten Fotos beim Besuch der norwegischen Nationaloper in Oslo zeigen nun eine Kanzlerin, die sich stetig gesteigert hat. Tief dekolletiert stellt sie ihre Weiblichkeit viel offensiver zur Schau als damals mit den Rüschen. Sie muss sich nicht mehr verstecken. Sie hat den Panzer geknackt. Mit einem Führungsstil, der Männer oft irritiert, weil er zu viele weibliche Elemente enthält, hat sie die Macht errungen. Eine Portrait-Serie der Fotografin Herlinde Koelbl hat vor Jahren gezeigt, was Macht mit Gesichtern machen kann: verhärten, versteinern, verfremden. Macht zieht tiefe Furchen. Normalerweise. Wenn ein Mann dran hängt, ganz besonders.

Dass sie sich nicht so verhält, wie man es von ihr erwartet, gehört zu den häufigsten Vorwürfen, die der Bundeskanzlerin gemacht werden. Als Physikerin war Angela Merkel früh schon erfolgreich auf einem Terrain, das überwiegend Männern vorbehalten ist. Vielleicht hat ihr diese Erfahrung geholfen, unbefangen mit ihrem Geschlecht umzugehen. Sie muss sich nicht verstecken. Die Bilder aus Oslo zeigen eine entspannte Frau, der die Macht zu immer mehr Schönheit verhilft. Vielleicht, weil sie innerlich nicht davon abhängig ist, sondern pragmatisch damit umgeht. Beim Anblick dieses entblößten Dekolletes dürfen Männer kalte Füße kriegen. In Deutschland ist nicht nur zum ersten Mal eine Frau Kanzlerin geworden, sondern auch eine Kanzlerin Frau. 

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