Auf den Punkt : Geisel des Zorns

Alfons Frese über das Spiel mit dem Mindestlohn

Alfons Frese
Alfons Frese, Wirtschaftsredakteur -Foto:Kai-Uwe Heinrich

Die Politik ist schuld. Sie verhindert Wettbewerb, handelt zugunsten des Monopolisten Post und vernichtet Arbeitsplätze. Böse, böse, was da angerichtet wurde mit dem Mindestlohn für Briefzusteller. Das Aufheulen der Post-Konkurrenten dröhnt schwer in den Ohren. Doch von dem Lärm sollte man sich nicht täuschen lassen.

Über viele Monate verweigerte sich zum Beispiel die Pin AG ernsthaften Verhandlungen mit den Gewerkschaften über einen Mindestlohn. Als Anfang September dann ein entsprechender Vertrag ausgehandelt war - ohne die Beteiligung von Pin und Co. - gründeten die rasch einen eigenen Verband, um den vorhandenen Vertrag doch noch auszuhebeln. Parallel dazu inszenierten Medien des Pin-Eigentümers Springer eine Kampagne gegen den Mindestlohn. Doch das Kalkül der Billigstrategen ging nicht auf.

Springer-Chef Döpfner ärgert sich jetzt. Und nimmt die Beschäftigten gewissermaßen als Geisel des Zorns, indem er droht, 1000 Personen bei der Bundesagentur für Arbeit abzuliefern. Das belegt wiederum den erbärmlichen Stellenwert der Briefträger: Spielmasse. Das war schon immer so, denn die Wettbewerber der Post agieren auf dem Markt weniger mit außergewöhnlichen Produkten und einem tollen Service, als mit dem Preis. Da Personal der entscheidende Kostenfaktor ist, bedeutet das Billiglöhne. Deshalb auch hatten Pin und andere bis Anfang September kein Interesse an Verhandlungen über einen Mindestlohn oder überhaupt an sozialen Mindeststandards. Wenn aber das Geschäftsmodell im Unterlaufen von diesen sozialen Standards besteht, dann ist die Politik am Zug. Wie jetzt bei der Einführung des Mindestlohns.

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