Auf den Punkt : Geld vom Klassenlehrer?

Gerd Nowakowski über Schulschwänzer

Gerd Nowakowski
Gerd Nowakowski
Gerd Nowakowski, Ressortleitung Berlin/Brandenburg -Foto: Kai-Uwe Heinrich

BerlinEinhundert Euro für jede Familie, dessen Kinder pünktlich zur Schule kommen - mit diesem Vorschlag ist die ansonsten nicht gerade im Blickpunkt der Öffentlichkeit stehende Stadt Oer-Erkenschwick die bundesdeutsche Aufmerksamkeit sicher. Wobei viele Menschen wohl erst verblüfft - und dann empört sein dürften. Geld zu zahlen für etwas, was eigentlich selbstverständlich ist, das wirkt wie eine Selbstaufgabe aller Normen und zivilgesellschaftlicher Verhaltensweisen. Wann werden wir Prämien zahlen für all jene, die ihre Frau nicht schlagen, nicht als Ladendieb auffallen oder brav an der roten Ampel halten? Vor allem Familien, die sich mit Liebe und oft auch Entbehrung bemühen, ihren Kindern auf dem Weg ins Leben nach besten Kräften zu helfen und selbstverständlich dafür sorgen, dass diese pünktlich zum Unterricht erscheinen, werden sich ärgern. Sie müssen sich bestraft fühlen.

Was das kleine Oer-Erkenschwick in Nordrhein-Westfalen vorschlägt, muss aber auch das große Berlin interessieren. Im ersten Schulhalbjahr 2007/2008 fehlten immerhin 16.000 Oberschüler bis zu zehn Tagen, mehr als 4000 schwänzten noch länger, manche bis zu acht Wochen. Hier wird aber genau andersherum debattiert: Bis zu 5000 Euro Bußgeld sollen nach Plänen der Berliner Senatsverwaltung Eltern zahlen müssen, deren Kinder derart notorisch die Schule schwänzen. Andere schlagen vor, diesen Eltern das Kindergeld oder den Hartz-IV-Satz zu kürzen - was bei gesetzlichen Leistungen nicht möglich ist.

Wenn Eltern ihre Aufsichtspflicht derart verletzten, dann sollen sie auch fühlbar zur Verantwortung gezogen werden, ist der Gedanke. Bei der Frage aber, wie das zu erreichen ist, ohne dass die Kinder darunter leiden, scheiden sich die Geister. Mit Strafen allein löst man nicht die Probleme dieser Familien. Hohe Geldbußen für Menschen, die sowieso von Hartz IV leben, sind nämlich unrealistisch. Erfolgreich kann nur ein anderer Weg sein: Es muss darum gehen, die Schulen zu attraktiven Lernorten mit Ganztagsbetreuung zu machen, um bei Kindern den Ehrgeiz und die Lust am Lernen zu wecken. Denn sie sind die Zukunft des Landes. Wo es nötig ist, müssen Familienhelfer eingreifen. Eines aber darf kein Tabu sein: In Familien, die jegliches Verantwortungsgefühl vermissen lassen, müssen die Kinder vor solcher Erziehungslosigkeit gerettet werden, in dem man den Eltern die Kinder wegnimmt. Solchen Eltern werden aber auch keine 100-Euro-Prämien helfen, ihre Kinder pünktlich zur Schule zu schicken.

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