Auf den Punkt : Geschichtsklitterer

Malte Lehming über Blockflöten, Indianer und Gesänge

Malte Lehming
Malte Lehming, Leitender Redakteur (Meinung) -Foto: Kai-Uwe Heinrich

Wer in diesem Land die Moral bemüht, hat es schwer. Kaum sagt einer "Die Deutschen haben die Juden umgebracht", schallt es ihm frech entgegen: "Ja, aber was die Amis mit den Indianern gemacht haben, war auch ziemlich mies." Das Relativieren ist im Land der Richter und Henker halt zur Lieblingsbeschäftigung geworden, kaum einer hält noch historische Faktizitätshärten aus.

In Stellung bringen sich die Lager auch jetzt wieder, wenige Wochen vor Beginn des dreifachen Superjahres 2009 - Stichworte: 60 Jahre Staatsgründung, 20 Jahre Mauerfall, Bundestagswahl. Die Schlacht um die Deutungshoheit über die deutsch-deutsche Geschichte ist voll entbrannt. Wer wollte die Einheit, wer hat sie verraten, wer zu Ulbricht und Honecker gestanden, wer die Mauer legitimiert, wer Milliardenkredite gezahlt? Weil nun, wer wollte es leugnen?, die Linke hüben wie drüben bei dieser Debatte in der etwas schlechteren Ausgangslage ist, steht für sie immerhin das Ziel fest: Am Ende soll jeder Dreck am Stecken haben, von der Tugendkanzel niemand predigen dürfen.

Und so wird kräftig zurückgekeilt. Gemeinsames Grundwertepapier von SPD und SED? Pah! Helmut Kohl hat Erich Honecker empfangen, Franz Josef Strauß Milliarden für die DDR locker gemacht. Stasi-IMs bei der Linken, vormals PDS, vormals SED? Pah, Angela Merkel war in der FDJ, in vielen Ostländern regieren ehemalige Blockflöten-Mitglieder. Mitunter ist das Niveau der Relativierer kaum höher als das in dem berühmten Grafiti: "Sprüche von Klowänden abwischen ist wie Bücherverbrennung."

Bewusst verdrängt werden in den schrägen Analogien die Begriffe "Läuterung" und "Einsicht". Ein Günter Schabowski etwa, ehemals Mitglied im ZK der SED und Chefredakteur des „Neuen Deutschland“, hat vor der Wende sicher eine schlimmere Rolle in der DDR gespielt als so mancher IM. Aber nach der Wende hat er überzeugend Einsicht gezeigt und bereut. Darum würden wir heute lieber von ihm einen Gebrauchtwagen kaufen als zum Beispiel von Hans Modrow oder Gregor Gysi. Und ja: Eine Führungsschicht in den Blockparteien hat das DDR-Regime aus Überzeugung mitgetragen. Aber wer von denen jetzt in der gesamtdeutschen CDU oder FDP mitarbeitet, zeigt, dass er nicht mehr Sozialismus, Systemwechsel und Kuba gutheißt, sondern Marktwirtschaft und Demokratie. In der Linkspartei aktiv sein, aber die Vergangenheit aufgearbeitet haben zu wollen: Das dagegen ist eine Art Widerspruch in sich.

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