Auf den Punkt : Grausame Realitäten

Malte Lehming über die Kriegsziele Israels im Gazastreifen

Malte Lehming
Malte Lehming
Malte Lehming, Leitender Redakteur (Meinung) -Foto: Kai-Uwe Heinrich

BerlinKrieg löst keine Probleme. Kaum einen Satz würde man lieber unterschreiben als den. Leider stimmt er nicht, weder im allgemeinen Fall noch im konkreten, dem Gazakrieg.

Zunächst eine rasche, nicht chronologische und unvollständige Liste einiger durch Kriege gelösten Probleme: die Niederlage Hitler-Deutschlands, die Vertreibung der Franzosen aus Algerien, die Unabhängigkeit der Vereinigten Staaten, die Befreiung Kuwaits, der Sturz von Saddam Hussein, von Slobodan Milosevic, vom Mullah-Regime in Afghanistan.

Fast nie wurde in diesen Kriegen das Prinzip einer streng proportionalen Verhältnismäßigkeit beachtet, wie es aktuell gern von Israel gegenüber der Hamas verlangt wird, nach dem Motto: Israel darf nicht mehr Palästinenser töten als Israelis durch Palästinenser getötet worden waren. Eine idiotische Forderung! Wie war es denn sonst? Amerikaner töteten im Zweiten Weltkrieg viel mehr Deutsche und Japaner als umgekehrt Amerikaner durch Deutsche und Japaner starben. Und beim Sturz von Hussein, Milosevic und Mullah Omar wurden ebenfalls weitaus mehr Irakis, Serben und Afghanen getötet als Mitglieder der westlichen Allianzen. Würde das Prinzip der Verhältnismäßigkeit tatsächlich streng proportional angewendet, müssten am Ende aller Kriege die Chinesen gewonnen haben, weil sie schlicht die meisten sind.

Auch die insgesamt positive Entwicklung des Nahostkonflikts ist ohne Kriege kaum denkbar. 1948, 1967 und 1973 sicherte Israel seine schiere Existenz als Staat und festigte seine Stellung in der Region als einzige Demokratie. Mit Ägypten konnte daraufhin Frieden geschlossen werden, der mit Syrien vereinbarte Waffenstillstand hält bis heute, nach der Niederlage des Iraks im ersten Golfkrieg folgte der Frieden mit Jordanien.

Auch die beiden Libanonkriege, 1982 und 2006, waren durchaus erfolgreicher, als sie oft gesehen werden. Die Vertreibung der PLO aus Beirut stellte Jassir Arafat vor die Alternative, entweder als wirkungsloser Exil-Terrorist in die Geschichte einzugehen oder sich auf das Prinzip "Land gegen Frieden" einzulassen. Er entschied sich fürs Zweite, gefolgt von Oslo und dem Friedensprozess. Leider hielt Arafat, obwohl gekrönt durch den Friedensnobelpreis, seinen Strategiewechsel nicht lange durch.

Nach dem zweiten Libanonkrieg schließlich gestand Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah, sich gründlich verkalkuliert zu haben. Die Israelis hatten im Beiruter Stadtteil Dahiya die gesamte Kommandozentrale seiner Organisation zerstört. Der Schock hält an: Keine einzige Rakete hat die Hisbollah, die ja aufs Engste mit der Hamas sympathisiert (beide werden aus Teheran finanziert), seit Beginn des Gazakrieges auf den Norden Israels abgefeuert. Das nennt man Abschreckung.

Was könnte das Ziel nun der Operation "Gegossenes Blei" im Gazastreifen sein? Die Antwort fällt nicht schwer: eine entscheidende Schwächung der Hamas, sowohl militärisch als auch organisatorisch, eine wirksame Unterbindung des Waffenschmuggels durch Tunnel via Ägypten (eventuell überwacht von internationalen Truppen), eine Einbeziehung Ägyptens und der Fatah in die politische Neuordnung des Gazastreifens. Falls das gelingt, hätte Israel wieder einen echten Partner, um über das von aller Welt angestrebte Zwei-Staaten-Modell zu verhandeln.

Krieg löst keine Probleme? Einige schon, jedenfalls manchmal. Was aber auf jeden Fall stimmt: Er produziert auch viele neue. Fortsetzung folgt.

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