Auf den Punkt : Hauptstadtnachrichten

Malte Lehming über Berlin, die Roma und das Gymnasial-Los

Malte Lehming
Malte Lehming, Leitender Redakteur (Meinung) -Foto: Kai-Uwe Heinrich

Wäre Berlin überdacht, wäre die Stadt eine geschlossene Anstalt. Nirgendwo sonst auf der Welt darf sich der Wahnsinn derart ungehemmt austoben wie hier. Nirgendwo sonst auf der Welt ist die Inselwahrnehmung (ob in West oder Ost) genetisch so fest verankert, dass alles Irre als normal und alles Normale als Exotisch angesehen wird. Kein Zufall, dass einer wie Thilo Sarrazin, der ab und zu einfach mal sagte, was los war, in Berlin als Freak galt, während sein geistesverwandter Bundeskollege Karl-Theodor zu Guttenberg in Deutschland immer neue Popularitätswerte erklimmt.

Man sehe sich nur die aktuellen Berlin-Meldungen der vergangenen Tage an: Nacht für Nacht werden Autos abgefackelt, zuletzt sieben Transportfahrzeuge der DHL, und Polizei und Staatsschutz zucken mit den Achseln. Hundert Roma, die als Touristen in die Stadt kamen, erhalten pro Person und in bar 250 Euro „Rückkehrhilfe“, was keinen von ihnen davon abhalten muss, in ein paar Wochen wiederzukommen und erneut die Hand aufzuhalten. Ein besetztes Haus in Mitte (Brunnenstraße 183) wird trotz eines Gerichtsbeschlusses nicht geräumt, weil die Ordnungshüter Angst haben, dass die Besetzer böse werden könnten. Und der Senat will den Zugang zu Gymnasien künftig per Losverfahren regeln.

Doch während der Rest der Republik solche Meldungen liest, auf dem Sofa sitzt und witzelt – man vergleicht etwa das Abschiedsgeld von 250 Euro an die Roma mit dem Begrüßungsgeld von 100 D-Mark an die Ossis und fragt sich, welche Investition besser war -, zieht man in Berlin eine besserwisserische Miene auf, spricht von „schwieriger Interessenabwägung“, „grundlegender Schulreform“, „Großstadttoleranz“ und anderem Quatsch mehr, was die Dinge, von außen betrachtet, nur noch grotesker macht. „Die meinen das ernst“, rufen die Deutschen zwischen Konstanz und Kiel und lachen sich ins Fäustchen über die Berliner Unfähigkeit, gesunden Menschenverstand walten zu lassen.

Das hat natürlich Tradition. Sowohl West- als auch Ost-Berliner konnten sich stets jene spätpubertäre Attitüde leisten, dass sie machen konnten, was sie wollten, weil ohnehin immer Hilfe kam, wenn die Not wirklich groß wurde. Subventionen und US-Beistand hier, SED und Zentralisierung da: Diese Kombination verhinderte nachhaltig die Ausprägung von Eigenverantwortlichkeit und Gemeinsinn. Das Ergebnis, 20 Jahre nach dem Mauerfall, ist eine dezidiert antibürgerliche Politik des rot-roten Senats (von Schulpolitik über Integration bis innere Sicherheit), deren größtes Manko es ist, mehrheitsfähig zu sein, weil das Bürgertum in Berlin in der Minderheit ist.

Was folgt daraus? Ein auf Dauer an den gesellschaftlichen Rand gedrängtes Berliner Bürgertum kann sich entweder radikalisieren, was unwahrscheinlich ist, weil es ebenfalls vom Phlegma der Verantwortungslosigkeit infiziert wurde. Oder es bunkert sich noch tiefer ein, geht in die innere Emigration, zieht in Gated Communities und schickt seine Kinder auf Privatschulen. Das ist die wahrscheinlichste Variante, wobei die öffentlichen Räume durch den Rückzug des Bürgertums weiter verwahrlosen werden. Ein dritter Teil schließlich wird in Vororte abwandern, in die berlin-brandenburgische Grenzregion, wo die Einfluss- und Gestaltungsmöglichkeiten größer sind als in der Stadt.

Alle anderen werden sich auch künftig im Irrenhaus kräftig austoben und noch kräftiger für normal halten.


Was meinen Sie? Leben wir in einer großen Metropole, die gelassen Widersprüche aushält oder ist die Hauptstadt eine Insel des Schwachsinns? Diskutieren Sie mit!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben