Auf den Punkt : Intensivstümper beim Crime-Casting

Jost Müller-Neuhof über die Pokerräuber und ihre Flucht

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Jost Müller-Neuhof (neu)
Jost Müller-Neuhof

BerlinAn Brad Pitt hat man gedacht und an George Clooney, die in der Gangstergeschichte "Ocean's Eleven" fintenreich Polizei und Kasinobesitzer aufs Kreuz legten. Und jetzt gucken uns Mustafa, Jihad, Ahmad und Vedat aus ihren Fahndungsfotos an, und das Erste, woran man denken muss, ist: die armen Eltern.

Der Überfall hatte nichts gemein mit Hollywoodszenarien intelligenten Räubertums. Der Zeitpunkt der Tat, als dickes Geld in der Kasse lag, bleibt das einzige, was im Ansatz nach Überlegtheit aussieht. Und auch das ist kein Wunder: Die Milieus, aus denen Kriminelle stammen und jene, aus denen professionelle Pokerspieler stammen, überschneiden sich zuweilen. Dass einer mit dem anderen redet, kommt jedenfalls vor.

Der Rest ist bekannt: Mit Macheten und Pistolen bewaffnet, stürmte das Quartett am helllichten Tag an einen der belebtesten Plätze der Stadt, unter den Augen von mindestens 400 Zeugen, der örtlichen Presse und zahlreichen Überwachungskameras. Den kleinen Vorteil, maskiert zu sein, machte die knallrote Jacke eines Beteiligten zunichte. Man verteilte DNA-Spuren und Fingerabdrücke, um dann im Benz eines Täters zu flüchten, den dieser soeben bei einem verdächtigen Barkauf erworben und dann noch auf eigenen Namen zugelassen hatte. Es ist kein Zufall, dass sich ausgerechnet der älteste der vier Täter der Polizei stellte und seine drei Komplizen verpfiff. In einem Lebensalter von 21 Jahren hatte sich die Vernunft immerhin insoweit Bahn gebrochen, als dass der junge Mann einsah, nach der Wahnsinnstat keine Chance zu haben, seinen Verfolgern zu entkommen.

Was sind das für Leute? Es sind, im weiteren Sinn, Jugendkriminelle, junge Gewalttäter, Intensivtäter. Man erkennt sie nicht nur am Jahrgang, sondern auch an dem Umstand, dass sie sich über die Folgen ihrer Tat, das Risiko des Erwischtwerdens, die möglichen Sanktionen nicht eine Spur von Gedanken machen. Sie dachten wortwörtlich von hier bis zum Hyatt, und schon dies band vermutlich alle geistigen Kräfte. Wer bei dem Wort "Intensivtäter" an kriminelle Profis denkt, liegt meist falsch. Intensivtäter zeichnen sich nicht nur durch ihre Mehrfachtaten aus, sondern auch dadurch, für sie mehrfach bestraft zu werden. Es ist ihnen, in gewisser Weise, egal, es gibt für sie nur ein Hier und ein Jetzt. Die berühmte spätpubertäre Kurzsicht, in tragischer Kombination mit Testosteronschüben, leider schon viel zu großen Muskeln und noch ein paar anderen kriminogenen Faktoren.

Soll das irgendwas entschuldigen? Um Gottes Willen. Die Täter werden ordentlich brummen, sobald alle gefasst sind. Das Geld reicht längst nicht für eine internationale Flucht plus ungezügeltem Ganovenleben in Rio. Wie sollte überhaupt jemand vernünftig flüchten können, der mit seinem Kumpel in dessen eigenem Mercedes zu einem Überfall vorfährt? Das weiß auch die Polizei. Doch wenn sie es so sagen würde, glänzten die Fahndungserfolge nicht mehr so, wie sie es sollen.

Am Ende wird dennoch die Frage bleiben, wie sich die vier Intensivstümper ausgerechnet an diesem Schauplatz verrannt haben. Vielleicht kommt noch heraus, dass es gerade die Öffentlichkeit war, die sie anlockte, das Spektakuläre. Die Generation Youtube auf dem Weg zum Crime-Casting, der Kleinganove, der jetzt das ganz große Ding dreht. Das sollte uns dann in der Tat zu denken geben. Vielleicht auch darüber, ob ein Pokerturnier, dessen Veranstalter es für Berlin gerade so über die Legalitätslatte gehievt haben, öffentlich ausgestellt gehört wie ein Treffen von Schachgroßmeistern.

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