Auf den Punkt : Jerusalem-Syndrom

Moritz Schuller über den Nahost-Gipfel in Annapolis

Moritz Schuller
Moritz Schuller, Meinungsredakteur -Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Da ist er wieder, der nächste Nahostgipfel. Was könnte George W. Bush nicht alles machen, um noch mehr in die Geschichte einzugehen! Das Kyoto-Protokoll unterzeichnen, Fidel Castro am Krankenbett besuchen, den Iran bombardieren, die Todesstrafe brandmarken, Hillary Clinton zur Außenministerin machen, das Weiße Haus rot anmalen, ach, was könnte er nicht alles machen.

Doch Bush hat sich vorgenommen, im letzten Jahr seiner Amtszeit lieber den Nahostkonflikt zu lösen. Warum auch nicht, schon Bill Clinton hatte Ehud Barak und Jassir Arafat in Camp David eingeschlossen, um sie erst wieder rauszulassen, wenn der Konflikt gelöst sei – nur damit sein Name nicht nur im Kapitel „Lewinsky“ des Geschichtsbuchs erscheinen möge. Gelöst wurde der Nahostkonflikt dennoch nicht.

In der Not denkt der amerikanische Präsident offenbar an Israel – wie der Rest der Welt ja auch. Denn ohne den israelisch-palästinensischen Konflikt gäbe es ihn ja angeblich gar nicht, den Kampf der Kulturen, auch den Diktator in Syrien nicht, die Taliban, die fundamentalistischen Terroranschläge weltweit, die ökonomische und intellektuelle Abkopplung vieler arabischer Länder vom Rest der Welt. Doch wer dabei nur an Israel denkt, vergrößert nur die Not. Es ist „eine heuchlerische Geopolitik, die den Nahen Osten zum Grundpfeiler der Weltordnung weiht“, wie der französische Philosoph André Glucksmann sagt. Doch in diesem einen Punkt sind sich die, die in Annapolis zum großen Nahostgipfel zusammenkommen, offenbar einig: In Nahost wird eines Tages die Welt gerettet.

Da ist es wieder, das Jerusalem-Syndrom.

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