Auf den Punkt : Keine Sippenhaft!

Jost Müller-Neuhof über die Kirche und die Missbrauchsfälle

Jost Müller-Neuhof (neu)
Jost Müller-Neuhof

Am morgigen Donnerstag steht ein Gipfeltreffen zwischen Staat und Religion an, Bischof Robert Zollitsch und Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger reden miteinander. Es geht um Missbrauch und darum, den Händel zwischen den beiden aus der Welt zu räumen. Zollitsch ist ein Mann, der die Kirche im Staat halten will, Leutheusser-Schnarrenberger eine Frau, die sie raushalten will. Zollitsch hält den Missbrauch für kriminelles Schicksal, Leutheusser-Schnarrenberger für ein Strukturproblem der Kirche. Es steht mehr zwischen den beiden als ein paar Sextäter in Soutanen.

Damit sich beide einigen und eine Basis finden, die früheren Opfern hilft und neue vermeidet, müssten sie ehrlich werden wie Sünder bei der Beichte. Was bedeutet das? Der Bischof müsste zugeben, dass sich die Kirche in Sachen Aufklärung falsch verhalten hat und falsch verhält, aber nur mit kleinsten Ruderbewegungen etwas daran ändern kann, weil der Papst nun mal einen Tanker steuert und kein Speedboat. Und die Ministerin müsste einräumen, dass sie an die Kirche auch keine höheren Anspannungen in Sachen Aufklärung stellen darf als an jede andere Privatperson.

Das heißt: Eine Anzeigepflicht wird es nicht geben, die Kirche sollte sie auch nicht versprechen, die Ministerin nicht fordern, und man sollte der Öffentlichkeit gemeinsam erklären, warum „Geheimniskrämerei“ sinnvoll sein kann: Kein Opfer sollte gegen seinen Willen - oder auch den der Eltern - in ein staatliches Verfahren gezwungen werden.

Sollte die Kirche sonst entschädigen, sich entschuldigen oder in anderer Form zu Kreuze kriechen? Nein. Die Kirche ist eine religiöse Institutionen mit einer Milliardenschaft Gläubiger. Geistliche Spitzen haften nicht für die kriminellen Verfehlungen ihrer Anhänger. Auch von islamischen Geistlichen verlangen wir nicht, dass sie für Terroropfer radikaler Islamisten in Madrid oder London zahlen. Wer sich entschuldigt, klagt sich an.

Was dürfen wir also erwarten? Einige pragmatische Vorschläge und ernsthafte Absichten, das ist nicht viel, aber alles, was möglich ist. Beide Seiten haben noch nicht wirklich erkennen lassen, dass es ihn bei ihrem Dialog nur um das eine gehen kann, Täter zu fassen und Opfer zu schützen. Päpste denken in Jahrtausenden, Politiker in Legislaturperioden. Aber die Gegenwart ist für alle dieselbe.

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