Auf den Punkt : Kiez ohne Kittel

Ingo Bach über die Ärztekrise in Berlin

Ingo Bach
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BerlinImmer mehr niedergelassene Mediziner in Berlin kehren sozialen Problembezirken den Rücken, um sich in wohlhabendere Gegenden mit einem höheren Privatpatientenanteil anzusiedeln. Das kann man beklagen - so wie es jüngst etwa die Berliner Patientenbeauftragte tat - oder man kann etwas dagegen tun. Doch an konkreten Vorschlägen, wie diesem Dilemma zu begegnen wäre, mangelt es, besonders bei der dafür zuständigen Kassenärztlichen Vereinigung (KV).

Eigentlich gilt Berlin als überversorgt mit ambulanten Ärzten - doch ist die Medizinerdichte in den Bezirken sehr unterschiedlich. In Steglitz-Zehlendorf liegt zum Beispiel die Ausstattung mit Augenärzten bei 137 Prozent, in Neukölln nur bei 86 Prozent. Während also in Steglitz-Zehlendorf ein Augenarzt auf rund 9600 Einwohner kommt, liegt das Verhältnis in Neukölln bei 1:15 300. Niedergelassene Ärzte sind - trotz der vielen Reglementierungen im deutschen Gesundheitswesen - aber immer noch Freiberufler. Wer also will es ihnen verdenken, wenn manche von ihnen in der Nähe der wohlhabenden Kunden sein wollen.

Doch es gibt ja durchaus Steuerungsmöglichkeiten, um den freien ökonomischen Willen zu beeinflussen. In Flächen-Bundesländern, in denen es einen Ärztemangel gibt, versucht die Lokalpolitik, die Ärzte zum Beispiel mit Umsatzgarantien oder verbilligten Praxisräumen in unterversorgte Gebiete zu locken. Warum soll so etwas nicht auch in den Problembezirken Berlins ein Weg sein? Doch den zu beschreiten, ist Aufgabe der KV. Diese hat nämlich den gesetzlichen Auftrag, die ambulante medizinische Versorgung der Bevölkerung sicherzustellen. Deshalb bekommt sie von den Krankenkassen die Honorare für die Ärzte, die sie dann nach einem komplizierten Berechnungsverfahren unter die Kassenmediziner verteilt. Wenn also Ärzte in reichere Bezirke abwandern, könnte die KV die Behandlung von Patienten in den ärmeren Bezirken mit einem Zuschlag fördern, den sie von den Kollegen in den reicheren Bezirken umverteilt. Denn wer Kassenpatienten zugunsten von Privatpatienten verlässt, muss damit rechnen dürfen, dass er dafür Einnahmen durch Kassenpatienten einbüßt. Das wäre nur fair.

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