Auf den Punkt : Komplizen ihrer Zeit

Malte Lehming über Walter Mixa und Irans Atombombe

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Malte Lehming
Malte Lehming, Leitender Redakteur (Meinung) -Foto: Kai-Uwe Heinrich

Man wirft ihnen Uneinsichtigkeit und Selbstgerechtigkeit vor. Man bezichtigt sie des Vertuschens und Bagatellisierens. Die Rede ist von den Lehrern und Geistlichen, die sich an Kindern vergangen haben. Doch kaum einer von denen, die sich jetzt zu Recht über die Missbrauchsfälle empören, begangen zum größten Teil vor mehr als dreißig Jahren, macht sich Gedanken darüber, was er selbst aktuell in seiner Gegenwart als gegeben hinnimmt, von dem er zumindest ahnen kann, dass es sich dereinst als grottenfalsch herausstellen könnte. Denn das Bedrückende an diesem Skandal ist ja: In Schulen, Internaten, Chören und Klöstern, in Deutschland, Irland, den USA und den Niederlanden, von reformpädagogischen Freigeistern wie dogmatischen Geistlichen wurde massenhaft etwas nicht als falsch empfunden, was falsch und verwerflich war.

Wie kann das sein? Wie können Menschen derart kollektiv zu Gefangenen eines bestimmten Zeitgeistes werden? Plötzlich stellen sich alle ratlos. Keiner hat eine Erklärung. Aber ist uns das Phänomen wirklich fremd? Vielleicht dulden auch wir Dinge – oder protestieren nicht laut genug gegen sie -, die eine Nachwelt später einmal zur Verzweiflung treiben und die Nachweltler rückblickend fragen lässt: Wie konnten sie damals nur?

Beispiele? Bitte: Es ist durchaus möglich, dass demnächst ein Terrorist auf dem Potsdamer Platz eine „schmutzige“, sprich radioaktive Bombe zündet. Bald danach wird man ganz zerknirscht darüber nachdenken, ob das nicht zu verhindern gewesen wäre, mit ausgeklügelter Rasterfahndung, Nacktscannern oder anderem. Wie sicher sind unsere Datenschützer, dass sie unsere Sicherheit nicht gefährden? Oder: Jeder weiß, dass in diesem Land zu wenig Kinder geboren werden, in spätestens zwei Jahrzehnten werden wohl unsere Sozialsysteme kollabieren. Wer spricht noch darüber? Oder: Brauchen wir wirklich erst den nächsten Amokläufer, um uns intensiver als bislang über den Zusammenhang von am Bildschirm verübter und realer Gewalt Gedanken zu machen? Oder: Wachen wir tatsächlich erst auf, wenn eine iranische Atombombe auf Jerusalem fällt? Oder: Warum lässt uns der Genozid in Darfur so eiseskalt?

Das alles sind Fragen, der Katalog ließe sich verlängern. Aber wer ist heute wirklich frei von einer gewissen Komplizenschaft mit dem Zeitgeist? Wer blendet nicht, und sei es auch nur ein bisschen, die Konsequenzen seiner Handlungen und Haltungen aus Bequemlichkeit gerne aus? Eigenschaften wie Selbstgerechtigkeit und Uneinsichtigkeit sind nicht an Kinderschänder gebunden. Und das Vertuschen und Bagatellisieren sind Fähigkeiten, die nicht allein Daniel Cohn-Bendit und Bischof Walter Mixa beherrschen.

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