Auf den Punkt : Konjunktur der Apokalyptiker

Malte Lehming über die Finanzkrise, die Klimaerwärmung und den 11. September 2001

Malte Lehming
Malte Lehming
Malte Lehming, Leitender Redakteur (Meinung) -Foto: Kai-Uwe Heinrich

BerlinEins ist sicher: Nichts ist sicher, nur der Tod. Das quält die Menschen seit Urzeiten. Sie sind vernunftbegabt, können rechnen und hochrechnen, planen und sich selbst in die Zukunft entwerfen. Und am Ende soll das alles nichts nützen, weil die Imponderabilien stärker sind? Das darf nicht sein. Entweder wir kriegen die Zukunft in den Griff - oder wir haben keine mehr: In diese fatale Alternative hat sich der moderne Mensch hineingedacht.

Prognosen und Prophezeiungen, angeblich auf solide Wissenschaft gestützt, haben daher Konjunktur. "Die kapitalistische Produktion", schrieb Karl Marx, "erzeugt mit der Notwendigkeit eines Naturprozesses ihre eigene Negation." Vor 210 Jahren wiederum kam der britische Ökonom Thomas Malthus zum Ergebnis, dass die Nahrungsmittelproduktion mit der Bevölkerungsexplosion nicht werde Schritt halten können. Der Spott Karl Poppers über solch "orakelnde Philosophie" verhallte. Die Wahrsagerei ging munter weiter, immer öfter mündete sie in apokalyptische Visionen.

Zu Zeiten der Friedensbewegung etwa war es mehrere Jahre lang fünf vor zwölf. Ein dritter Weltkrieg, atomar und erdzerstörend, schien wegen Ronald Reagan und der Nato-Raketen gewiss zu sein. Am Ende war Michail Gorbatschow da - und die Mauer nicht mehr. Und in der praktischen Konsequenz hatten die Demonstrationen nur dazu geführt, dass Helmut Schmidt von Helmut Kohl abgelöst wurde.

Die Sorgen der Friedensbewegten gingen nahtlos über in die der Umweltschoner und Klimaschützer. Nun zerbrechen die sich leidenschaftlich den Kopf darüber, auf welchen Wert die Treibhausgase am Ende dieses Jahrhunderts gestiegen sein könnten. Wie immer steht das Überleben der Zivilisation auf dem Spiel.

Bemerkenswert an der Evolution der apokalyptischen Rhetorik ist, dass sie inzwischen, über drei Stationen, ganz oben angekommen ist. Erste Station: globale Klimaerwärmung. Die deutsche Bundeskanzlerin und der ehemalige US-Vizepräsident klingen heute kaum anders als früher Franz Alt, Hoimar von Ditfurth oder Robert Jungk. Zweite Station: die Terroranschläge vom 11. September 2001. Amerikanische Neokonservative orakelten plötzlich einen vierten Weltkrieg herbei, ein Armageddon zwischen den Mächten der Freiheit und denen der Finsternis. George W. Bush identifizierte eine "Achse des Bösen", der "Krieg gegen den Terrorismus" wurde zu seiner "historischen Mission".

Dritte Station: die globale Finanzkrise. Kein Tag vergeht mehr, in denen die Horrorszenarien der Unternehmenslenker und vieler Politiker nicht mindestens ebenso apokalyptisch klingen wie die Apokalypse selbst. "Das ist eine Strukturkrise, die die Welt zutiefst verändern wird", sagt Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy. Die US-Wirtschaft befinde sich in einer "Krise von historischem Ausmaß", befindet Barack Obama. Eine "Bedrohung unserer Gesellschaftsordnung", sieht Angela Merkel voraus.

Nein, nicht mehr allein exotische Futurologen, sozialistische Geschichtsdeuter und säkulare Weltretter beherrschen den Untergangsdiskurs, sondern den schrillsten Alarmismus verbreiten ausgerechnet jene, die für das Kühlhalten ihres Kopfes bezahlt werden - die Regierenden. Assistiert wird ihnen von einigen Feuilletonisten. "Von den Bankuntergängen in der Wall Street geht eine Kettenreaktion aus, vergleichbar mit der epochalen Wirkung, die das Erdbeben von Lissabon im achtzehnten Jahrhundert auf die Köpfe der Aufklärung ausübte", heißt es in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", die bürgerliche Welt befände sich nun im "weltbürgerkriegsähnlichen Zustand".

Die Wirklichkeit rennt mit hechelnder Zunge ihrer Beschreibung hinterher. Doch so schwarz wie ihre Beschreibung wird die Wirklichkeit nie. Das ist ein schwacher Trost in einer Zeit der starken Worte.

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