Auf den Punkt : Kühle Arroganz

Ingrid Müller über den neuesten Tipp von Thilo Sarrazin

Ingrid Müller
Ingrid Müller Foto: Kai-Uwe Heinrich
Ingrid Müller, Leitende Redakteurin (Politik) -Foto: Kai-Uwe Heinrich

BerlinOffenbar fühlt sich dieser Mann wohl, wenn er anderen Unangenehmes empfiehlt. Ach, der Sarrazin, sagen viele nur noch müde. Doch diesmal muss man sich wohl Sorgen um seine Gesundheit machen. Ist ihm nicht gut bekommen, dass die Klimaanlage auf 15 Grad runtergekühlt war (Vorsicht, Geldverschwendung und eingeschränkte Handlungsfähigkeit) oder dass draußen wie drinnen im Moment gut 30 Grad herrschen (Achtung, eingeschränkte Handlungsfähigkeit)?

Berlins Finanzsenator Thilo Sarrazin empfiehlt im Hochsommer: Dicke Pullover schützen vor hohen Energiepreisen. So weit, so öko. Klimaschützer geben den Pulli-Rat für die Wintermonate seit Jahren. 25 Grad drinnen sind nicht nötig, ein paar weniger tun es auch. Wird Sarrazin etwa ein Grüner? Keine Bange. Sarrazin legt noch einen drauf. Ob der jeweils nächste Spruch inzwischen sein Lebenszweck ist? So liest sich das neueste Interview. Gäbe es keinen, wären doch alle enttäuscht. Diesmal weiß Sarrazin also, dass jeder auch bei 15 oder 16 Grad in der Wohnung vernünftig leben kann. Und er bemüht mal wieder die Nachkriegszeiten, als sein Papa es mit der Koksheizung daheim auf 16 Grad brachte. Das hat er, der Sohn, „überlebt“. Hat der Senator bei gemütlichen 16 Grad schon mal ein paar Stunden gesessen und gelesen - selbst im Pulli? Oder Bewerbungen geschrieben?

Ach so, jeder soll daheim ein Sportstudio einrichten. Wieder falsch? Er soll sich wohl einfach gleich die Decke über den Kopf ziehen. Nun ja, zu gemütlich soll es sicher nicht sein. Da wird man träge. Nur am Rande: Deutschlands Richter am BGH sehen das Ende der Fahnenstange bei 20 Grad erreicht.

Macht nichts. Wer es kühler haben möchte, darf das.

Und es geht Sarrazin doch eigentlich ums Geldsparen durch Energiesparen. Nur ist Berlin eine Mieterstadt und auch nicht flächendeckend mit Etagenheizungen ausgestattet. Den meisten Mietern macht ihr Mietvertrag einen Strich durch die allzu einfache Rechnung. Ein bisschen kann man so sparen, unbestritten. Doch selbst der, der die Heizung komplett abdreht, muss mit einer stattlichen Abrechnung leben. Denn normalerweise kann er nur einen Teil seiner Heizkosten über den eigenen Verbrauch bestimmen. Der Rest wird auf alle umgelegt. Wenn der Nachbar auch im Winter gern 30 Grad in seiner Wohnung hat, zahlt man mit. Echt super, der Spartipp. Also: Wenn sich diese Methode durchschlagend im eigenen Portemonnaie auswirken soll, müssen möglichst viele mitmachen. Und das macht natürlich besonders viel Spaß, wenn wir alle nach dieser kernigen Belehrung wie auf dem Abenteuerspielplatz zu Hause Nachkriegsdeutschland inszenieren.

Langsam reicht es mit diesen Sprüchen, Herr Sarrazin.

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