Auf den Punkt : Kulturkampf an der Spree

Lorenz Maroldt über das Berliner Projekt Media-Spree

Lorenz Maroldt
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Lorenz Maroldt, Chefredakteur -Foto: Kai-Uwe Heinrich

BerlinIn Kreuzberg werden gerade "Car-Lofts" verkauft. Der Clou: Ein Aufzug fährt den solventen Berliner mitten im Krawallkiez in seinem Auto direkt auf die Terrasse vor dem Panoramafenster, auch im fünften Stück. Der Vorteil: Ein direkter, persönlicher Kontakt zu den renitenten Ureinwohnern wird vermieden, und das gute Stück Blech wird nicht des Nachts auf der Straße abgefackelt.

Von oben bieten die Car-Lofts einen schönen Blick auf ein im Nordosten liegendes Areal, das als "Media-Spree" eines der großen Entwicklungsgebiete Berlins werden soll, jedenfalls nach dem Willen des Senats und der Mehrheit im Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg. Die Initiative "Media-Spree versenken" dagegen will das verhindern. Am Sonntag können die Bewohner des Bezirks abstimmen.

Die Bauvorhaben entlang dem Ufer stehen für einen alten Kulturkampf, der unter neuem Namen in die nächste Runde geht. Dabei können die Versenker durchaus auf Sympathien zählen.

Die Abenteuerspielplätze, die sie verteidigen, gehören derzeit zu den attraktiven und charmanten Orten der Stadt - die Strandbars. Wer hier mit Bier oder Bionade in der Hand die Sonne untergehen sieht und manchmal auch aufgehen, dessen Herz ist leicht bei jenen, die im Schlauchboot lästige Investoren vertreiben wollen und auch vor einem Sprung ins Brackwasser nicht zurückschrecken, Schlachtruf "Spreeufer für alle".

Doch tatsächlich ist die für alle offene Spree bestenfalls eine Vision. Ruinen und Brachen säumen einen Großteil des Ufers und versperren den Zugang, ganz ohne Investoren. Aber dort, wo sie schon waren, beim Universal-Haus zum Beispiel, da kann jetzt jeder ans Wasser. Die Baupläne der Investoren sehen durchgängige Uferwege vor. Der Kampf der Versenker dagegen gilt der Verteidigung eines unbefriedigenden Status quo. Das reicht nicht in einer Stadt wie Berlin, die vom steten Wandel lebt, von Menschen, die etwas wagen, die etwas aufbauen.

Die Zwischennutzer im immerwährenden Kreislauf des Übergangs treiben Berlin kräftig an, immer wieder kommt ihre Zeit an einem bestimmten Ort, immer wieder aber geht sie auch. Wo das nicht verstanden wird, wie etwa im Tacheles, verkommt ein Mythos selbst für Touristen zur Karikatur. Auch in Kreuzberg tun sich viele schwer mit dieser Erkenntnis. Die lebensstil-diktatorische, alternativ-elitäre Abschottung gegenüber allem Anderen ergötzt sich an einem bizarren Widerspruch, der deutlich wird in der gierig-lustvollen Empörung über Edelrestaurants, teure Autos, Luxuswohnungen, McDonalds und jetzt eben Media-Spree: Manchem Leben gibt erst der Angriff auf Bürger und Burger einen Sinn. Das aber ist nicht im Interesse der Allgemeinheit. Berlin ist mehr als Kreuzberg-Friedrichshain.

Das inzwischen weltweit bekannte Badeschiff an der Arena, vor den Füßen der Treptowers gelegen, ist übrigens nicht von Investoren bedroht. Dabei wäre es schön, wenn es überflüssig würde. Baden in einer sauberen Spree - das wäre ein Traum. Ein teurer Traum.

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