Auf den Punkt : Lebendige Genossen

Malte Lehming über den SPD-Parteitag in Dresden

Malte Lehming
Malte Lehming
Malte Lehming, Leitender Redakteur (Meinung) -Foto: Kai-Uwe Heinrich

BerlinEs gibt eine SPD, die es zu bewahren und zu wählen lohnt. Es ist eine starke, selbstbewusste, individualitätsbezogene Partei, die widerspricht und Widersprüche aushält. Eine Partei, in der das Gewissen und die Überzeugung jedes Einzelnen Gehör finden. Eine Partei, die sich geistig nicht gleichschaltet, sich nicht abschottet gegen die Faktizitätshärten der Realität, sondern der Versuchung zum Kaderdenken widersteht. Und es ist eine Partei, die reine Funktionärskarrieren, die meist in langweiligen Sprechblasenerzeugern enden, nicht automatisch belohnt.

Wer ist gemeint? Wer soll das sein? Bitte schön, hier die beileibe nicht vollständige Aufzählung all jener lebenden und lebendigen Genossen, denen es die älteste deutsche Volkspartei zu verdanken hat, dass sie noch wohlmeinend wahrgenommen wird – über die Grenzen ihrer verbliebenen Hardcore-Anhängerschaft hinaus: Heinz Buschkowsky, Klaus von Dohnanyi, Helmut Schmidt, Wolfgang Clement (Sozialdemokrat ohne Parteibuch), Thilo Sarrazin, Gerhard Schröder, Wolfgang Huber, Markus Meckel, Otto Schily, Richard Schröder, Peer Steinbrück, Björn Engholm. Gemeinsam ist diesen allen, dass sie geprägt wurden durch praktische Erfahrungen, statt durch Leitanträge und Vorstandsbeschlüsse, und dass diese Orientierung an der Praxis sie undogmatisch frisch und flexibel gemacht hat.

Haben diese Genossen in der Gabriel-Nahles-SPD noch eine Heimat? Das ist die zentrale Zukunftsfrage der Partei. All die anderen Themen – ob sie die Agenda 2010 verändert, die Rente mit 67 zurücknimmt, wieder linker, gerechter und sozialer wird oder die Errungenschaften und Reformen der letzten elf Jahre verteidigt -, all das ist nebensächlich. Mit haarspalterischen Abgrenzungsmanövern zur Linkspartei lassen sich professionelle SPD-Exegeten beeindrucken, nicht aber die Wähler. Die wollen Typen, Charaktere, Authentizität – kurzum das Gefühl, dass da jemand an der Spitze nichts Angelerntes vertritt, sondern sich selbst und sein linkes Herz.

In dieser Beziehung hat die SPD einen Ruf zu verteidigen – und wieder zu gewinnen. Die großen Sozialdemokraten waren immer größer als die größten Unionisten. Die Tradition des Knochigen, Ungebrochenen, Eigenen muss in der Partei erneuert werden, dann verschwinden die programmatischen Flügelkämpfe in der Irrelevanz. Ist das zu viel verlangt? Vielleicht. Aber ohne die Rückbesinnung auf die Kraft des freien internen Disputs, auf die Kraft der konstruktiven Dissonanz, gibt es keine Rettung.

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