Auf den Punkt : Liegengeblieben in Ruinen

Malte Lehming über die Lehren aus dem Berliner Religionsstreit

Malte Lehming
Malte Lehming
Malte Lehming, Leitender Redakteur (Meinung) -Foto: Kai-Uwe Heinrich

BerlinEs überrascht zwar kaum, hat aber eine pikante Pointe: Wer derart innig mit dem staatlich verordneten Ethikunterricht verbandelt ist wie der Berliner Senat, der entpuppt sich am Ende als Gesetzesübertreter. Denn nichts anderes bedeutet ja das Urteil des Oberverwaltungsgerichts Berlin-Brandenburg, das der rot-roten Truppe untersagt hat, mit Steuergeldern für ihr Anliegen enthemmt Propaganda zu machen. Es ist bedrückend, dass dem Senat selber das Gespür für Chancengleichheit offenbar fehlte. So musste erst die Justiz bemüht werden, um jene Fairness wieder herzustellen, um die gerade Ethikfreunde angeblich so besorgt sind. Kein Wunder, dass sich SPD-Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier rechtzeitig und demonstrativ vom Feldzug seines Genossen Klaus Wowereit distanziert hatte und für Pro Reli unterschrieb. Das Risiko für die deutsche Sozialdemokratie, von den Machenschaften "verstockter Säkularisten" (der Soziologe Heinz Bude) in Mitleidenschaft gezogen zu werden, schien dem taktisch stets klugen Außenminister dann offenbar doch zu hoch zu sein.

So hielt fast jeder Tag dieser launigen Kampagne eine kleine Überraschung bereit. Schon deshalb hat sie sich gelohnt. Unabhängig vom Ergebnis des Volksentscheids wurden auch zwei Dinge erneut deutlich, die - 20 Jahre nach dem Fall der Mauer - für Berlin und ganz Deutschland enorm wichtig sind. Erstens: Im Unterschied zu allen anderen Ländern des ehemaligen Warschauer Paktes (Polen, Ukraine, Russland etc.) war die Entchristianisierung am erfolgreichsten in der DDR. Dort hat der atheistische Marxismus-Leninismus tatsächlich gesiegt. Während in allen anderen ehemals sozialistischen Ländern nach dem Ende des Kalten Krieges eine zum Teil intensive Rückwendung zum Glauben (zumeist katholisch oder orthodox) stattfand, blieben die mehrheitlich protestantischen Ostdeutschen kirchenfern und religionsavers. Bis heute feiert man dort die Jugendweihe und mokiert sich über Gläubige als Außenseiter. "Die Säkularisten wollen etwas ausschließen und sind in diesem Gestus eigentlich reaktionär", meint Bude. Gemeinsam mit West-Berliner Provinzanarchos, SEW-Traditionen, GEW-Ideologie und Multikulti-Schwärmerei bildet diese Gruppe, die in Berlin strikt gegen ein Wahlpflichtfach Religion agitiert, eine ziemlich große Fraktion.

Zweitens: Wie die Stimmungslage zeigt (von Sonderfällen wie Prenzlauer Berg, Mitte und Kreuzberg einmal abgesehen), trennt dieser Kulturkampf tatsächlich West und Ost. Die Lebensverhältnisse mögen sich angeglichen haben, doch die geistige Differenz wird als desto größer empfunden. Identitätsverlust wird kompensiert durch Identitätsbekräftigung. Das schreit nach Symbolen. Die West-Berliner geben den Bahnhof Zoo und den Flughafen Tempelhof auf und fordern dafür den Palast der Republik und einen Umbau des Marx-Engels-Forums, was analog die Ost-Berliner zur Weißglut treibt. Das hat zwar weder städtebaulich noch logisch miteinander zu tun, entspricht aber einem unterbewussten Gerechtigkeitsempfinden.

Ob Religion nun Wahlpflichtfach wird oder nicht: Über sich und ihre Stadt haben die Berliner in den vergangenen Wochen womöglich mehr erfahren als in den 20 Jahren seit dem Fall der Mauer.

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