Auf den Punkt : Merkel und die toten Soldaten

Jan Oberländer über die Kanzlerin und den Krieg

von
Jan Oberländer
Jan Oberländer. -Foto: Mike Wolff

BerlinAngela Merkel hat ihre Pläne geändert. Sie wird jetzt doch an der Trauerfeier für die drei am Karfreitag bei Kundus getöteten Soldaten teilnehmen. Sie lässt über ihren Sprecher ausrichten, dies sei ihr ein "persönliches Anliegen". Viel eher ist es jedoch ein symbolischer Akt. Zumal einer, der nach einigem Druck aus Oppositions- und Boulevardzeitungskreisen erfolgt. Es soll wohl nicht der Eindruck entstehen, die Kanzlerin fühle sich nicht zuständig oder habe vermeintlich Wichtigeres zu tun.

Und das zu Recht, einerseits. Schließlich befindet sich die Bundesrepublik Deutschland in Afghanistan im Krieg. Wenn da tote Bürger in Uniform heimkommen, muss die Regierungschefin Respekt zeigen. Nur darf Merkel sich, andererseits, nicht hinter "persönlicher" Betroffenheit verstecken. Die Formulierung zeigt, wie ungeklärt die politische Position der Regierung gegenüber dem Einsatz "am Hindukusch" ist.

Deutsche Soldaten sind plötzlich nicht mehr bloß eine Art THW in Flecktarn. Sie werden beschossen und schießen. Sie töten - und werden getötet. Den Umgang mit dieser neuen Situation muss die Politik, muss das ganze Land noch lernen. Und zwar ganz von vorn. Denn anders als in Frankreich, in Großbritannien, in den USA gibt es in der bundesdeutschen Geschichte keine siegreiche Armee, keinen Soldatenstolz. Da wirkt das Dritte Reich nach, zum Glück. Deutsche Kriegshelden sind Widerständler und Zweifler, keine Feldherren.

Eine ehrliche Haltung zu finden, eine Sprache zu finden für die Lage, in die deutsche Regierungen die Bundeswehr - und damit das Land - nun mit halb geschlossenen Augen gebracht haben, das ist die große Herausforderung. Dass hier noch gesucht wird, zeigt der verdruckste "umgangssprachliche" Krieg von Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg ebenso wie das in "Bild" abgedruckte hilflos-sportlich klingende Lob von Bundeswehr-Generalinspekteur Volker Wieker, die in Kundus angegriffenen Soldaten hätten im Gefecht eine "sehr bemerkenswerte Leistung" bewiesen.

Wer Menschen in den Kampf schickt, und damit ihren Tod ebenso in Kauf nimmt wie den Tod Dritter, der muss das nüchtern und überzeugend begründen können. Zu welchem Ende sterben - und töten - deutsche Soldaten in Afghanistan? Darüber wird Angela Merkel sprechen müssen.

Autor

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben