Auf den Punkt : Mit Vollgas in die Siebziger

Lorenz Maroldt über die Verlängerung der A 100

Lorenz Maroldt Foto: Kai-Uwe Heinrich
Lorenz Maroldt, Chefredakteur -Foto: Kai-Uwe Heinrich

Der Berliner Senat behauptet, er habe alle Argumente zur Verlängerung der A 100 von Neukölln nach Treptow behutsam abgewogen. Dann hätte er allerdings zu mindestens 51 Prozent feststellen müssen, dass dies ein großer Quatsch ist. Wenn man so Auto fahren würde, wie der Senat derzeit Verkehrspolitik betreibt, dann wickelte man sich mit Karacho um die letzte Platane am Plänterwald. Schleichtempo 30 auf Hauptstraßen einführen, zugleich aber eine neue Rennstrecke durch ein Wohngebiet pflügen, da ist das Motto von Rot-Rot offensichtlich: links blinken, rechts abbiegen - mit Vollgas in die Siebziger.

Angeblich entlaste die neue Autobahnstrecke 30 000 Menschen in den umliegenden Straßen, weil der Verkehr gebündelt werde. Aber neue Strecken ziehen immer auch neuen Verkehr an, und der legt sich dann von Neukölln kommend auf drei Spuren fröhlich vor Treptow in die Kurve, um dann vor einem noch größerem Stau rund um die Elsenbrücke zu stecken. Denn zur weiterführenden Planung, also der Verlängerung über Treptow hinaus zur Frankfurter Allee und dann zur Landsberger Allee, mag sich der Senat nicht bekennen. Die kommt vielleicht in zwanzig, dreißig Jahren, dann ist Wowereit 85 und - wenn er Glück hat - längst Bundeskanzler a.D.

Ohne eine weitere Verlängerung über Treptow hinaus ist die A 100 erst recht sinnlos. Dafür aber hätte sie den zweifelhaften Titel des teuersten Autobahnabschnitts Deutschlands. 420 Millionen Euro soll das Werk kosten, also pro Meter 130 000 Euro. Wenn das vom Land bezahlt würde, müsste der Senat geteert und gefedert aus der klammen Stadt gejagt werden. Aber es zahlt ja der Bund, weil es eine Bundesautobahn ist. Fremdes Geld wurde hier schon immer gerne verschwendet.

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''Wir wollen hier nicht weg''



Wenn die Strecke wirklich sinnvoll wäre, dann könnte hingenommen werden, dass vier Häuser abgerissen und 300 Kleingärten umgepflügt würden. Aber hier geht es nicht um ein wichtiges und richtiges Projekt wie die Autobahnanbindung des Flughafens Schönefeld an die Stadt, sondern um eine breite Piste von der Kebabbude an der Grenzallee zum Anleger der Stern- und Kreisschifffahrt in Treptow.

Das Ganze nicht etwa gedeckelt und obendrauf begrünt, wie im fertigen Abschnitt davor, sondern als fette, tief einbetonierte Schneise mitten durch die Stadt. Das Ganze wird dann auch noch verkauft als umweltfreundliche Entlastung der Bürger. Da ist Rot-Rot genauso dreist wie die deutsche Auto-Industrie, die den Dreck nicht aus ihren Mühlen bekommt, aber Öko-Sticker draufklebt. Jetzt versteht man wenigstens, warum die SPD nach der vergangenen Wahl lieber mit den Linken als mit den Grünen regieren wollte. 

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