Auf den Punkt : Mutter und Mann

Dagmar Rosenfeld zum Tod von Thomas Dörflein

Dagmar Rosenfeld
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Dagmar Rosenfeld, Redakteurin -Foto: Mike Wolff

BerlinDie Geschichte von Thomas Dörflein ist ein bisschen wie die von Forrest Gump - jenem schlichten Mann, der zum Footballstar, zum Kriegshelden wird, der die Watergate-Affäre aufdeckt und dreimal vom Präsidenten für seine Verdienste geehrt wird. Verdienste, für die er eigentlich nichts kann, weil er in all diese Sache einfach reingeraten ist - ohne sich im Moment des Geschehens darüber bewusst zu sein, dass ihm da gerade etwas Großes, etwas Besonderes passiert. Etwas, dass ihn zu etwas Großem, Besonderen macht. Auch der Tierpfleger Thomas Dörflein ist zu einer Art Held geworden, ohne es gewollt zu haben. Es ist ihm einfach passiert.

Das, was Thomas Dörflein getan hat, ist eigentlich nichts Heldenhaftes gewesen. Er hat einen Eisbärenjungen, der von seiner Mutter verstoßen wurde, aufgezogen - das ist sein Job. Aber es war nicht irgendein Eisbär, es war Knut. An seinem Schicksal nahm die ganze Welt Anteil - von der "New York Times" bis zum "Daily Mirror", Knut schaffte es überall auf die Titelseiten. Der Bär hat uns verzaubert, und dieser Zauber hat auch Dörflein umhüllt. Der Mann mit zotteligem Bart, Vokuhila und Muscle-Shirt, der so aussah, als ob er nach Tier riecht, wurde plötzlich verehrt, geehrt und geliebt. Vor allem von Frauen. Sie machten ihm Heiratsanträge, und so manche Zoobesucherin war nicht wegen Knut, sondern wegen Dörflein da.

Thomas Dörflein ist nicht nur ans Herz gegangen, weil Knut die Herzen berührt hat. Monatelang hat Dörflein Tag und Nacht mit dem Eisbärbaby zusammengelebt, es gefüttert, gestreichelt, ihm Elvis-Lieder vorgesungen. "Er ist ein Baby, und ich bin seine Mutter", hat Dörflein einmal sein Verhältnis zu Knut beschrieben. Bei Knut ist es das Kindchenschema gewesen, das ihn für den Menschen unwiderstehlich gemacht hat: Mit der runden hohen Stirn, der Stupsnase und dem unschuldigen Blick weist sein Gesicht die charakteristischen Züge auf, die auch Kleinkinder haben. Gesichtszüge, die beim Menschen einen Schutzreflex auslösen. Es verleitet uns dazu, in Knut ein Stück von uns selbst zu sehen. Wir können nicht anders, als ihn zu lieben.

Bei Dörflein ist es das Kerl-Kitsch-Schema, das ihn unwiderstehlich gemacht hat: Ein kerniger Mann, der sich kümmert und Gefühle zeigt, der vor Sätzen wie "Als Knut mich das erste Mal angesehen hat, mit diesen blauen Augen, da war ich hin" nicht zurückschreckt. Er war Mutter und Mann zugleich. Einer, von dem man sich gerne einen Bären aufbinden ließ.

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