Auf den Punkt : Mythos Lehman

Harald Schumann über die falsche Lehre aus der Bankenpleite

Harald Schumann
Harald Schumann, Redakteur für besondere Aufgaben.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Ein Jahr nach der Pleite der Investmentbank Lehman Brothers gilt es, ein erstaunliches Phänomen politischer Verdrängungsleistung zu besichtigen: Die absichtliche Verwechslung von Ursache und Wirkung. Folgt man den Reden so manches Großbankers oder auch des Bundesfinanzministers, so erscheint die unverschämte Weigerung der US-Regierung, den Hasardeuren bei Lehman mit Steuergeld zu helfen, als die eigentliche Ursache der größten Krise seit 1930. Wäre Lehman nicht gewesen, so behaupten doch allen Ernstes Peer Steinbrücks Wasserträger im Bundestag, dann müssten wir jetzt gar nicht zehn Milliarden Euro in das wertlose Gebilde investieren, was von der Hypo Real Estate noch übrig geblieben ist. Wäre Lehman nicht gewesen, hätten wir nicht 18 Milliarden Euro an die marode Commerzbank überweisen müssen, damit die dem Allianz-Konzern seine Dresdner Pleitebank abkaufen kann.

Diese Argumentation ist schon allein deshalb Unfug, weil lange vorher bereits die IKB sowie die Landesbanken in Sachsen und Bayern an ihren Fehlspekulationen mit US-Hypothekenpapieren gescheitert waren - ganz zu schweigen von den Hypothekenriesen Northern Rock und Countrywide in Großbritannien und den USA. Allenfalls hat die Lehman-Pleite den Zusammenbruch des Geldkreislaufs unter den Banken nur beschleunigt, aber gewiss nicht verursacht. Und erst recht taugt das Lehman-Argument nicht als Rechtfertigung für die Tatsache, dass die Gläubiger der Pleitebanken, also jene, die das Spielgeld bereitstellten, mit keinem Cent an den Sanierungskosten beteiligt wurden, sondern die gesamte Bankenrettung allein den Steuerzahlern aufgehalst wurde.

Die eigentliche Lehre aus der Lehman-Pleite lautet daher nicht, dass jede Großbank, die als „too big to fail“ gilt, gerettet werden muss. Umgekehrt ist es richtig: Jede Bank oder Finanzgesellschaft, die zu groß ist, um sie pleite gehen zu lassen, muss entweder unter staatliche Kontrolle gestellt oder so verkleinert werden, dass sie nicht mehr „systemrelevant“ ist. „Too big to fail“, heißt „too big to exist“. Und wer meint, dabei handele es sich um eine linksradikale Forderung, der suche das Gespräch mit dem Chef der britischen Notenbank, Mervyn King, oder auch seinem Schweizer Kollegen Philipp Hildebrand. Die sind der gleichen Ansicht.

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