Auf den Punkt : Nicht kalt, aber kühl

Stephan-Andreas Casdorff über die gespannte Beziehung zwischen Nato und Russland

Stephan-Andreas Casdorff
Stephan-Andreas Casdorff
Stephan-Andreas Casdorff, Chefredakteur

BerlinKeine Militärkontakte auf hoher Ebene, keine Besuche von Kriegsschiffen hier wie dort, harte Worte an die Moskauer Adresse - nicht kalt, aber kühl ist der Umgang mit Russland geworden. Wirkliche Freundschaft sieht anders aus. Freunden sagt man die Meinung, doch dann ist es vergessen. Hier allerdings nicht, was zeigt, dass das Verhältnis des Westens zur östlichen Macht einer ernsten Belastungsprobe unterzogen wird.

Russland hat ganz offenkundig aus dem Kalkül heraus gehandelt, in seinem Hinterhof, in seiner Nachbarschaft den maßgeblichen Einfluss zurückzugewinnen. Durch Schrecken. Durch die Drohung mit Gewalt. Durch Machtpolitik, die vor Brutalität nicht zurückschreckt. Doch kann es mehr verloren haben als gedacht. Im Ausland hat Russland Argwohn genährt und ist in manchen Staaten der Ächtung näher als der Achtung. Im Land selbst wird offen der Mangel an Freiheit, auch an Pressefreiheit, beklagt. So entstehen Fliehkräfte. Noch dazu kommt, dass Russland, wie die vormalige Sowjetunion, ein Vielvölkerstaat ist. Sollte die Moskauer Führung wegen der kühlen politischen Großwetterlage daniederliegenden Regionen nicht wirtschaftlich aufhelfen können, wird deren Unruhe steigen. Die Tschetschenen wären nur die ersten, die aufbegehren.

Die Nato, das Verteidigungs- und Wertebündnis, ist jedoch auch unter Druck. Es muss, knapp zwanzig Jahre nach dem Ende des Kalten Krieges, im Blick auf Russland selbst eine Bewährungsprobe bestehen. Die Partner sind nämlich untereinander nicht einig: Die USA, Großbritannien, die Osteuropäer plädieren für Härte, Deutschland und Frankreich für kritischen Dialog. Nun schließt das eine das andere nicht aus - nur muss das Bündnis sich auf eine Linie verständigen. Und dabei bleiben. Denn könnte Russland einen Keil zwischen die Nato-Partner treiben, wäre der Schaden für die Glaubwürdigkeit der Allianz enorm, weil sie Moskau keine Grenzen aufzeigen könnte. Wo nicht sicher ist, dass Russland sie sich selbst setzt.

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