Auf den Punkt : Obama auf Lunge

Malte Lehming lässt die Rauchverbotswoche Revue passieren.

Malte Lehming
Malte Lehming
Malte Lehming, Leitender Redakteur (Meinung) -Foto: Kai-Uwe Heinrich

BerlinZum Rauchen und Rauchverbot wurde alles gesagt, bloß noch nicht von allen. Darum an dieser Stelle eine kleine Nachbetrachtung in vier Schritten:

Erstens: Worum es geht, ist klar wie eine Nichtraucherlunge an einem frischen Frühlingstag. Darf ein Mensch durch sein Verhalten die Gesundheit anderer Menschen schädigen? Natürlich nicht. Darum muss man das Rauchen in öffentlichen Gebäuden, Flugzeugen, Zügen, Taxen, Gaststätten, in Krankenhäusern und Kindergärten verbieten, ausnahmslos. Rauchen im Beisein anderer ohne deren Zustimmung ist in gewisser Weise ein Akt der Körperverletzung. So einfach ist das.

Zweitens: Was jemand alleine, privat oder im Kreise Gleichgesinnter tut, ist seine Sache. Er darf sich durch Zigaretten selbst schädigen - wie andere Leute sich fett essen, Extremsportarten betreiben oder zu Tode saufen. Besondere Raucherzulagen etwa in der Krankenversicherung zu verlangen, wäre, weil Willkür, diskriminierend. Allerdings wirkt es ein wenig lächerlich, wenn zum Beispiel ein kettenrauchender Hartz-IV-Empfänger sich lauthals über die fehlende Solidarität in der Gesellschaft im Allgemeinen beschwert, im Speziellen es aber als selbstverständlich empfindet, wenn die Solidargemeinschaft der Krankenversicherten für seine Leiden eines Tages womöglich ein Vielfaches dessen aufbringt, was er selbst eingezahlt hat.

Drittens: Wenn die Sache so einfach ist, wie oben beschrieben, woher dann das Getöse? In der Tat schwankt der Ton in der Debatte gerne zwischen Alarmismus und Apokalypse. Was wird da nicht alles beklagt! Unzulässige Einschränkung der Freiheit, Verletzung der Verfassung (in Artikel 2, Absatz 1 des Grundgesetzes steht: "Jeder hat das Recht auf freie Entfaltung seiner Persönlichkeit"), Verlust eines Kulturgutes, Vordringen des Überwachungsstaats undsoweiter. Das ist zwar alles Quatsch, aber in Deutschland gilt Hysterie bei allen anstehenden Veränderungen als erlaubt. Volkszählung, Änderung der Postleitzahlen, Feinstaubverordnung, Ladenöffnung, Rechtschreibreform, Anschnallpflicht: Stets laufen die Diskutanten verbal Amok. Kurze Zeit später stellen sie dann überrascht fest, dass das Abendland doch nicht untergegangen ist.

Viertens: Aber stimmt nicht eher das Gegenteil, dass die Deutschen Veränderungen lieben? Mehr als 200.000 waren bei Barack Obama an der Siegessäule, wo es nur ein Thema gab, den Wandel. Leider täuscht der Eindruck. Die Deutschen sind und bleiben eines der risikoscheuesten Völker überhaupt. Sie kriegen kaum Kinder, rechnen mit 30 Jahren nach, ob die Rente reicht, und politisch wählen sie die große Koalition des Stillstands. Den Wandel lieben sie nur dann, wenn er woanders stattfinden soll, vorzugsweise in den USA.

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