Auf den Punkt : Oh, mein Gott

Malte Lehming über christlichen Glauben und Kindesmissbrauch

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Malte Lehming
Malte Lehming, Leitender Redakteur (Meinung) -Foto: Kai-Uwe Heinrich

BerlinHeute ist Ausnahme. Ich sage ich. Im US-Journalismus ist das durchaus üblich, in Deutschland gilt es als verpönt. Aussagesätze, Objektivität, Distanz: Darauf kommt es an. Aber bei diesem Thema geht das nicht so leicht. Dazu ist es eben auch - persönlich. Freilich darf die Ich-Form kein seelischer Exhibitionismus sein, der Kommentar kein peinlicher Tagebuch-Eintrag-Ersatz. Ob's funktioniert? Keine Ahnung.

Ein Kollege fragte mich dieser Tage, ob der Glaube für einen Christen schwieriger geworden sei wegen der Missbrauchsskandale in evangelischen und katholischen Einrichtungen. So spontan wie entschieden antwortete ich Nein - und erschrak gleichzeitig über mich selbst. Denn in der Tat bin ich in meinem Glauben nicht erschüttert, gehe sonntags in die Kirche wie sonst. Woran liegt das? Als theologischer Laie erkläre ich mir das so:

Da ist zunächst die Natur meines Glaubens. Entgegen einem weit verbreiteten Vorurteil ist der Christ ja nicht Christ, weil es ihm dadurch besser geht. Kirche ist kein geistig-geistlicher Wellnessclub. Vielmehr entzieht sich mein Glaube in gewisser Weise der Warum-Frage. Ich selber frage mich eigentlich nie, ob mein Leben glücklicher oder leichter oder erfüllter ist durch meinen Glauben. Er ist einfach da, ein Faktum, auch eine Setzung, gewiss. Vielleicht ist er das Gegenteil von Kosten-Nutzen-Kalkül und Egoismus.

Mein freier Wille verpflichtet sich auf einen höheren Willen - es mag naiv klingen: um seiner selbst Willen. Gott ist weniger für mich da als ich für ihn. Christen wurden und werden weltweit als Christen verfolgt. Würden sie allein nach Glück streben, müsste man ihr Handeln als widersprüchlich beschreiben. Vielleicht geht es mir mit Glauben besser als ohne, aber das Bessergehen ist nicht der Maßstab meines Glaubens.

Nun bin ich durch die Missbrauchsfälle so entsetzt und schockiert wie jeder andere moralisch empfindende Mensch. Und dass ausgerechnet Mitglieder jener "Gemeinschaft der Heiligen", die sonntags auch von mir im Glaubensbekenntnis angerufen wird, solche Verbrechen verüben, verursacht eine Mischung aus Wut und Scham. Gravierende strukturelle und institutionelle Probleme innerhalb der christlichen Kirchen tragen dazu bei. Aber von der christlichen Lehre als solcher führt kein einziger Weg zum Kindesmissbrauch. Das ist der entscheidende Punkt.

Hexenverbrennungen und Kreuzzüge wurden mit theologischen Argumenten unterfüttert. Es gab eine Verbindung zwischen Brutalität und Verkündigung. In anderen Religionen gibt es ähnliche Zusammenhänge zwischen Lehre und weltlicher Praxis. Einige islamische Geistliche rechtfertigen aus dem Islam heraus Selbstmordattentate. Einige jüdische Geistliche rechtfertigen aus dem Judentum heraus den Siedlungsbau in Eretz Israel. Im Unterschied dazu gibt es heute keinen einzigen Christen, der den Missbrauch von Kindern aus dem Christentum heraus begründet oder gar legitimiert. Zwischen Brutalität und Verkündigung gibt es keinerlei Verbindung. Der Kindesmissbrauch lässt an Formen des praktizierten Christentums zweifeln, nicht aber am christlichen Glauben.

Müsste ich meine Antwort auf die Frage des Kollegen auf eine knappe Formel bringen, lautete sie: Legitimationskrise? Ja. - Strukturelle Krise? Ja. - Existenzielle Krise? Nein.

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