Auf den Punkt : Ratzmann in der Venusfalle

Dagmar Rosenfeld über Männer, die ihre Karriere dem Kind opfern

Dagmar Rosenfeld
Dagmar_Rosenfeld Foto: Mike Wolff
Dagmar Rosenfeld, Redakteurin -Foto: Mike Wolff

BerlinDie Emanzipation entlässt ihre Kinder - das ist es wohl, was wir dieser Tage in Deutschland erleben. Zugegeben, auch nach Jahrzehnten der Emanzipation ist den Frauen nicht unbedingt gelungen, eine originelle Version der Weiblichkeit zu entwickeln. Eine Weiblichkeit, die mit Lust ihre gewonnenen Freiheiten gestaltet. Aber immerhin, es scheint, als ob die Emanzipation nun endlich die Männer hervorbringt, die sich Frau so lange gewünscht hat. Männer mit denen sie gleichberechtigt die Spülmaschine ausräumen, den Kinderwagen schieben und Kosmetikprodukte teilen kann.

Immer mehr Väter haben den Wunsch, ihre Kinder selbst zu betreuen - das hat gerade erst eine Umfrage des Allensbach-Instituts ergeben. Und just an dem Tag, an dem dieses Umfrageergebnis bekannt wird, macht ein Mann in aller Öffentlichkeit ernst: Volker Ratzmann kündigt auf einer extra einberufenen Pressekonferenz an, dass er auf die Kandidatur für den Parteivorsitz der Grünen verzichtet, weil er Vater wird. Er und seine Lebensgefährtin - auch sie in der Politik tätig - hätten entschieden, dass zwei bundespolitische Karrieren sich nicht in Einklang bringen ließen mit dem Erziehungswunsch. "Ich will etwas von meinem Kind haben, mein Kind soll etwas von mir haben", sagt Ratzmann.

Oh, Mann! Nur, weil Frauen sich in Männerbastionen wie Bundeswehr, Fußball und Vorstandsetagen breit machen, heißt das doch nicht, dass Mann nun mit Heim und Herd die alten Wirkungsstätten der Weiblichkeit erobern muss. Jedenfalls nicht in dieser Radikalität.

Natürlich ist es gut, dass die neuen Väter nicht mehr glauben, mit dem Durchschneiden der Nabelschnur - was ja lange Zeit als Beleg für Aufgeschlossenheit und Teilhabe gegolten hat - schon den entscheidenden Beitrag zur Kindererziehung geleistet zu haben. Aber gleich den Ratzmann machen, das muss auch nicht sein. Sonst werden die Männer von heute zu den Frauen von gestern. Denn es geht eben nicht um das Entweder-oder, sondern um das Sowohl-als-auch.

Volker Ratzmann ist in die Venusfalle getappt, hat sich - freiwillig - dem Zwang unterworfen, aus dem sich unsere Mütter freigekämpft haben: sich zwischen Kind und Karriere entscheiden zu müssen.

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