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Malte Lehming über die Deutschen und den Afghanistankrieg

Malte Lehming
Malte Lehming Foto: Kai-Uwe Heinrich
Malte Lehming, Leitender Redakteur (Meinung) -Foto: Kai-Uwe Heinrich

BerlinDie Bundeswehr führt in Afghanistan eine Art Amish-Krieg. Das muss man erklären. Die Amish-Gemeinde in den USA besteht aus Nachfahren deutsch-schweizerischer Einwanderer. Sie legen besonderen Wert auf das Prinzip des Verzeihens. Haut man sie auf die eine Wange, halten sie die andere hin. Schlimm ist nicht, was man selbst erleidet, sagen sie, schlimm ist nur, was man anderen zufügt.

Vor ziemlich genau drei Jahren geschah in einer Schule der Amish in der Kleinstadt Nickel Mines im US-Bundesstaat Pennsylvania eine Tragödie. Der junge Milchwagenfahrer Charles Carl Roberts, der nicht der Gemeinschaft der Amish angehörte, drang in die Schule ein, befahl den Jungen und Erwachsenen, den Raum zu verlassen und tötete anschließend fünf Mädchen. Er richtete sie hin, bevor er sich am Ende selbst erschoss.

Die Reaktion der tief religiösen Amish auf das Massaker war beeindruckend. Noch am Abend sagte der Großvater eines der ermordeten Kinder über den Amokläufer: "Wir dürfen nichts Böses über diesen Mann denken." Der Vater eines anderen Kindes ergänzte: "Auch er hatte eine Mutter, eine Frau und eine Seele - und jetzt steht er einem gerechten Gott gegenüber." Dem Attentäter wurde vergeben. Etwa dreißig Amish-Mitglieder nahmen sogar an der Beerdigung von Roberts teil, dessen Witwe, Marie Roberts, wurde zur Beerdigung eines der Opfer eingeladen. Ein Jahr später schließlich spendete die Amish-Gemeinde auch Geld für die Witwe des Amokläufers. Der Schritt wurde damit begründet, dass Feindseligkeit die Gemeinschaft zerstören würde.

Zurück zu Afghanistan. In den meisten Kriegen werden Verbrechen begangen und Verbrechen erlitten. Nun gibt es Nationen, die insgesamt und trotz allem recht stolz sind auf ihre militärische Vergangenheit. Amerikaner, Briten, Franzosen, Israelis und Russen etwa. Die einen haben Hitler besiegt, die anderen das Imperium vergrößert, die dritten eine Heimstatt verteidigt. Ins Wanken gerät dieses Weltbild stets dann, wenn die eigenen Opfer zu groß werden (Amerikaner in Vietnam und Irak, Briten in Palästina, Franzosen in Algerien, Israelis im Libanon). In solchen Momenten wird die Heimat nervös und der Sinn des Krieges in Frage gestellt.

Anders in Deutschland. Hier quält es die Menschen mehr, wenn sie Unrecht tun, als wenn sie Unrecht erleiden. Sollen die Taliban am Ende ruhig siegen, Al Qaida zurückkehren, Pakistan weiter destabilisiert werden und der militante Islamismus sein wichtigstes Exportgut, die Selbstmordattentäter, nach Europa schicken: Hauptsache, wir machen uns nie selbst die Hände dreckig. Und wenn wir es doch einmal aus Versehen getan haben, blasen wir umgehend zum Rückzug.

Die Amish-Gemeinde führt keine Kriege. Ein Land, das Kriege wie die Amish führt, sollte es vielleicht tatsächlich besser lassen.

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